StartGesellschaftToyoko Kids: Tokio räumt den Treffpunkt in Kabukichō – die Jugendlichen tauchen...

Toyoko Kids: Tokio räumt den Treffpunkt in Kabukichō – die Jugendlichen tauchen ab

16. Oktober 2026 · Tokio, Kabukichō

Am Shinjuku Toho Building in Tokio, dem Kinohochhaus mit dem riesigen Godzilla-Kopf, treffen sich seit einigen Jahren Jugendliche, die zu Hause oder in der Schule keinen Halt finden. In Japan heißen sie „Toyoko Kids“. Der Name leitet sich vom Ort ab: „Tō-Yoko“ steht für „neben dem Toho“, also die Gassen und den Platz direkt am Gebäude im Vergnügungsviertel Kabukichō.

Ein Treffpunkt für Jugendliche aus ganz Japan

Die meisten sind Teenager, häufig zwischen 14 und 19 Jahren. Viele stammen nicht aus Tokio, sondern reisen etwa aus Osaka oder Nagoya an. Die Gründe sind unterschiedlich: Konflikte in der Familie, Mobbing, Einsamkeit. Bekannt wurde der Ort vor allem über soziale Netzwerke, mit der Zeit entstand dort eine eigene Szene mit eigenem Kleidungsstil.

Der Anwalt und frühere Richter Keiichi Shimura sagt im Gespräch mit dem Tokyo Hodo Shimbun, extreme Armut oder völlig zerrüttete Familien seien eher die Ausnahme. Häufiger suchten die Jugendlichen einen Ort, an dem sie akzeptiert werden und niemand sie bevormundet.

Medikamente und Ausbeutung

Kabukichō ist Tokios bekanntestes Rotlicht- und Ausgehviertel, entsprechend groß sind die Risiken. Zwei Probleme beschäftigen Polizei und Behörden besonders: Erwachsene, die die Jugendlichen ausnutzen, und der Missbrauch frei verkäuflicher Medikamente, in Japan als „Overdose“ bekannt. Bei einer Sammelkontrolle nach den Winterferien im Januar griff die Polizei 32 Jugendliche auf, so viele wie nie zuvor. Laut Medienberichten bestand bei vier von ihnen der Verdacht auf eine Überdosis, eine 15-Jährige soll rund 600 Tabletten bei sich gehabt haben.

Behörden greifen durch

2026 haben Stadt, Bezirk und Polizei ihre Maßnahmen deutlich ausgeweitet. Im April gab es gemeinsame Streifen, Kontrollen in Hotels und Gespräche mit Apotheken. Im Juni gründeten der Bezirk Shinjuku, die Stadt Tokio und die Tokioter Polizei einen gemeinsamen Maßnahmenrat für Kabukichō, der bis zum Frühjahr 2027 einen Plan für das Viertel vorlegen soll. In den Sommerferien warb die Stadt mit Videos auf X, Instagram, YouTube und dem Großbildschirm am Kabukichō Tower für eine Beratungsstelle im Viertel und warnte vor dem Medikamentenmissbrauch. Zum Schulbeginn im September gab es erneut eine Sammelkontrolle.

Aus dem Blick verschwunden

Der Platz hat sich dadurch verändert: Absperrungen, Kameras, Sicherheitsdienst, Veranstaltungen und viele Touristen prägen inzwischen das Bild. Die Jugendlichen sind nach Recherchen des Tokyo Hodo Shimbun aber nicht verschwunden, sondern weichen in Love Hotels und Privatwohnungen aus, die sie über soziale Netzwerke finden. Dort sind sie für Polizei und Hilfsangebote kaum noch zu erreichen. Im Juli nahm die Polizei ein Yakuza-Mitglied fest, das einem Mädchen im Teenageralter ein Messer vorgehalten und Geld erpresst haben soll. Außerdem wird ihm vorgeworfen, mehreren Mädchen Drogen gegeben zu haben.

Shimura hält Kontrollaktionen allein deshalb nicht für ausreichend. Nötig seien Fachleute, die die Jugendlichen dauerhaft begleiten und ihr Vertrauen gewinnen.

Die ARTE-Reportage

Wie der Alltag der Jugendlichen in Kabukichō aussieht, zeigt eine Reportage von ARTE. Die Filmemacher Arthur Rayssiguier und Pierre Chabert haben eine Gruppe von Toyoko Kids mehrere Wochen lang begleitet, auch in sehr persönlichen Momenten. Nach Angaben von ARTE zählen die Behörden offiziell rund 300 dieser Jugendlichen, tatsächlich sollen es mehrere Tausend sein. Viele haben mit ihren Familien gebrochen und halten sich mit Sexarbeit oder Drogenhandel über Wasser, andere finden in der Gruppe Zusammenhalt und ein Gefühl von Freiheit. Die Reportage ist im September 2026 erschienen und rund 37 Minuten lang.

Mit dem Klick wird das Video von YouTube geladen. Dabei werden Daten an YouTube (Google) übertragen. Mehr dazu

Japan: Toyoko Kids | ARTE Reportage (ARTEde) · auf YouTube ansehen

Foto: Wpcpey / CC BY-SA 4.0 / Wikimedia Commons

Mehr zum Thema