StartPanoramaJapans Erdbeben-Frühwarnung macht aus einem Beben der Stärke 6,9 eine 9,9

Japans Erdbeben-Frühwarnung macht aus einem Beben der Stärke 6,9 eine 9,9

16. Oktober 2026 · Tokio

Am Freitagmittag schrillten in weiten Teilen Japans die Handys. Um 12:40 Uhr Ortszeit gab die Japanische Meteorologische Agentur (JMA) eine Erdbeben-Frühwarnung (緊急地震速報, kinkyū jishin sokuhō) für Hokkaido, Tohoku, Kanto-Koshinetsu, Hokuriku, Tokai und die Izu-Inseln heraus. Das System hatte ein Beben bei den Kurilen in rund 140 Kilometern Tiefe errechnet, mit einer Magnitude von 9,9 und Erschütterungen bis zur höchsten Stufe 7 auf der japanischen Shindo-Skala. Ein solches Beben wäre stärker gewesen als jedes bisher gemessene.

Tatsächlich hatte es um 12:38 Uhr nahe der russischen Halbinsel Kamtschatka gebebt, mit einer Magnitude von 6,9 in etwa 160 Kilometern Tiefe. In Japan kam davon kaum etwas an: Die stärkste Erschütterung, Shindo 1, wurde in Hakodate auf Hokkaido registriert. Eine Tsunamigefahr bestand nicht. Um 12:48 Uhr nahm die JMA die Warnung von Hand zurück. Laut dem IT-Portal ITmedia war es das erste Mal seit dem Start der öffentlichen Warnungen 2007, dass eine solche Warnung offiziell zurückgezogen wurde.

Frühere Fehlalarme blieben stehen

Falsche Warnungen hat es schon öfter gegeben, zurückgenommen wurden sie aber nicht, weil jeweils tatsächlich ein, wenn auch kleines, Beben stattgefunden hatte. Im August 2013 löste ein gestörter Meeresboden-Seismograf vor der Präfektur Mie eine Warnung für Dutzende Präfekturen aus. Im Juli 2020 machte das System aus einem Beben der Stärke 5,8 bei der Insel Torishima eines der Stärke 7,3 vor der Bōsō-Halbinsel. Zurückgezogen wurde bislang nur die Vorstufe für Fachnutzer: 2016 errechnete das System nach einem Störsignal ein Beben der Stärke 9,1 in der Bucht von Tokio, die Meldung ging an Bahnen und Unternehmen, nicht an die Bevölkerung.

Das Frühwarnsystem nutzt aus, dass sich die schwächeren P-Wellen schneller ausbreiten als die zerstörerischen S-Wellen. Aus den ersten Messungen schätzt es Ort und Stärke eines Bebens und warnt Regionen, in denen es starke Erschütterungen erwartet, oft nur Sekunden im Voraus. Genau diese Schnelligkeit macht es fehleranfällig.

Zwei Epizentren in einer Rechnung

In einer zweiten Pressekonferenz am Nachmittag erklärte die JMA, das System habe Magnitude und Erschütterungsprognose mit unterschiedlichen Epizentren berechnet. Zudem sei auf das weit entfernte Beben eine Formel angewendet worden, die für Beben in Japan gedacht ist. Am späten Abend nannte die Behörde einen weiteren Grund: Eine nach dem Torishima-Fehlalarm von 2020 eingeführte Funktion, die Messstationen in mehr als 700 Kilometern Entfernung aus der Magnitudenberechnung ausschließen soll, habe nicht richtig gearbeitet. Gegen 21:30 Uhr sei ein Notfall-Update eingespielt worden. Einen Hardwaredefekt schloss die JMA aus, Hinweise auf einen Cyberangriff gebe es nicht. Die Behörde entschuldigte sich.

Regierungssprecher Minoru Kihara sagte, die Regierung nehme die „große Sorge und Belastung“ für Menschen, Verkehr und Unternehmen ernst, und kündigte eine gründliche Untersuchung an. Auf dem Tōkaidō-Shinkansen zwischen Shin-Yokohama und Toyohashi standen die Züge nach dem automatischen Notstopp rund eine Viertelstunde still.

Doppelter Alarm, fehlende Warnung

In sozialen Netzwerken ärgerten sich viele, dass auch die Rücknahme mit demselben lauten Warnton auf den Smartphones ankam. Die JMA verwies darauf, dass das Verfahren auf Vorgaben aus der Einführungszeit vor rund 20 Jahren beruhe, und hielt eine Überprüfung für denkbar, legte sich aber nicht fest.

Bei Kunden von NTT Docomo, Japans größtem Mobilfunkanbieter, kam die Warnung dagegen gar nicht an. Das Unternehmen bestätigte, dass seine „Area Mail“-Notfallnachricht in allen betroffenen Regionen ausblieb, sprach von einem eigenen Systemfehler und entschuldigte sich. Bis zur Behebung könnten Warnungen weiterhin ausbleiben.

Foto: Syced / CC0 / Wikimedia Commons

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