17. Oktober 2026 · Tokio
Dieser Artikel ist Teil unseres Dossiers Kinderschutz in Japan.
In Japan werden Fotobücher und DVDs verkauft, auf denen Mädchen unter 18 in Badeanzügen oder Kostümen posieren. Die Mädchen heißen Junior Idols (ジュニアアイドル), und ihr Geschäft ist legal. Seit Jahren fordern die Vereinten Nationen und Kinderschützer, es zu regulieren. Passiert ist das bis heute nicht. Warum diese Grauzone so beständig ist, zeigt ein Blick auf das Gesetz, auf die Kunden und auf die Haltung, die japanische Fachleute selbst beschreiben.
Legal, solange es keine Kinderpornografie ist
Junior Idols werden ähnlich vermarktet wie erwachsene Idols, mit Fotobüchern, Videos, Auftritten und Fanveranstaltungen. Der Unterschied ist das Alter. Rechtlich zählt in Japan nur, ob das Material unter die Definition von Kinderpornografie im Gesetz von 1999 fällt. Ist das nicht der Fall, dürfen die Produkte hergestellt und verkauft werden. Dass die Bilder auf ein erwachsenes Publikum zielen, spielt dafür keine Rolle.
Kinderschützer versuchen seit Langem, diese Lücke zu schließen. Das japanische Komitee von UNICEF startete im März 2008 eine Kampagne gegen Kinderpornografie und forderte, auch Material wie das der Junior Idols gesetzlich zu erfassen. Mehr als 100.000 Menschen unterschrieben. Vier große Internetportale nahmen daraufhin ihre Seiten mit Junior Idols vom Netz. Das Gesetz blieb, wie es war.
Die Kritik der Vereinten Nationen
International bekannt wurde das Thema 2015. Die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für sexuelle Ausbeutung von Kindern, Maud de Boer-Buquicchio, besuchte im Oktober 2015 Japan. Auf ihrer Pressekonferenz in Tokio sagte sie, DVDs und Fotobücher mit Kindern seien im Netz und in Läden leicht zu bekommen, etwa im Tokioter Viertel Akihabara. In ihrem Abschlussbericht vom März 2016 erwähnt sie die Junior Idols ausdrücklich. Die japanische Regierung antwortete in einer Stellungnahme, diese Aussagen seien nicht durch Daten belegt.
Der Kinderrechtsausschuss der Vereinten Nationen legte im März 2019 nach. In seinen Empfehlungen an Japan forderte er, sogenannte Kindererotika zu verbieten, also Material, das Kinder sexualisiert, ohne die gesetzliche Schwelle der Kinderpornografie zu erreichen. Umgesetzt hat Japan das nicht.
Wer die Kunden sind
Wer solche Produkte kauft, haben Journalisten mehrfach beschrieben. Eine Reportage des australischen Senders SBS zeigte 2021, dass bei Auftritten von Junior Idols vor allem erwachsene Männer im Publikum stehen. Der Soziologe Masahiro Yamada erklärte das dort mit dem Wunsch nach einer Art Fantasiefamilie, in der die Mädchen die Rolle einer Tochter einnehmen.
Ähnliches gilt für einen Teil der Szene der Underground Idols (地下アイドル, chika aidoru). Sie treten nicht im Fernsehen auf, sondern in kleinen Clubs, nah am Publikum, und manche Gruppen haben minderjährige Mitglieder. Die Nachrichtenagentur AFP begleitete 2018 ein sechs Jahre altes Mädchen, das in Tokio vor überwiegend Männern mittleren Alters auftrat. Nach der Show konnten die Fans sich mit ihm fotografieren lassen. Ein 40 Jahre alter Stammgast kam zweimal pro Woche. Der Manager sagte AFP, männliche Fans gäben inzwischen offen zu, dass sie Grundschülerinnen bevorzugen. Die Mutter des Mädchens sah keinen großen Unterschied zu Kindern, die im Fernsehen auftreten oder in Zeitschriften Kleidung vorführen.
„Grauzone“ statt Tabu
Japanische Fachleute sehen den Kern des Problems in einer gesellschaftlichen Haltung. Der Anwalt Keiji Goto (後藤啓二), früher bei der Nationalen Polizeibehörde und heute Vorsitzender der Kinderschutzorganisation Think Kids (シンクキッズ), sagte AFP, viele Japaner betrachteten es nicht als Tabu, junge Mädchen zu Objekten zu machen, sondern als Grauzone. Der Psychiater Hiroki Fukui, der auch Menschen mit pädophilen Neigungen behandelt, hält das Bewusstsein dafür, Kinder schützen zu müssen, in Japan für sehr gering.
Diese Haltung erklärt auch, warum das Thema politisch kaum vorankommt. Bei Kinderpornografie, beim Schutzalter und bei Vorstrafen für Beschäftigte in Schulen hat Japan in den vergangenen Jahren deutlich nachgeschärft. Was dazu geführt hat, beschreibt unser Überblick zum Kinderschutz in Japan. Die Vermarktung minderjähriger Idols blieb davon unberührt. Auch das neue japanische DBS, das ab dem 25. Dezember 2026 Beschäftigte auf Vorstrafen prüft, ist auf Schulen, Kitas und Betreuungsangebote zugeschnitten, nicht auf die Idolbranche.
Mehr aus dem Dossier
- Zwischen Kawaii und Kinderschutz: Japan und die Sexualisierung Minderjähriger
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Quellen
- UNICEF: Saying ‚No‘ to child pornography in Japan (2008)
- AFPBB: 「極端な」児童ポルノ漫画は禁止を、国連報告者が日本に呼び掛け (26.10.2015)
- Vereinte Nationen: A/HRC/31/58/Add.1, Bericht der Sonderberichterstatterin zu Japan (03.03.2016)
- Vereinte Nationen: A/HRC/31/58/Add.3, Stellungnahme Japans (07.03.2016)
- Außenministerium Japan: Abschließende Bemerkungen des Kinderrechtsausschusses der UN, japanische Übersetzung (2019)
- SBS Dateline: Japanese junior idols and their adult male fans (27.04.2021)
- AFPBB: 少女アイドルに熱中する日本 「崇拝」か「小児性愛」か (26.02.2018)
- AFP/The Jakarta Post: Little idols: Japan’s dark obsession with young girls (26.01.2018)
- 弁護士ドットコム: 児相と警察、情報の全件共有を (21.03.2019)

