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Erinnerung an den Krieg: Wie Japan und Deutschland mit ihrer Vergangenheit umgehen

18. Oktober 2026 · Tokio

Dieser Artikel ist Teil unseres Dossiers Japan und Deutschland.

Am Samstag begann am Schrein Yasukuni (靖国神社) in Tokio das Herbstfest. Premierministerin Sanae Takaichi (高市早苗) ging nicht selbst hin, ließ aber in ihrem Namen ein Opfergesteck aufstellen, ein sogenanntes 真榊 (masakaki). Minister Minoru Kiuchi (城内実) besuchte den Schrein persönlich. In Yasukuni werden seit genau 48 Jahren auch 14 verurteilte Hauptkriegsverbrecher verehrt. Eine vergleichbare staatliche Geste wäre in Deutschland kaum vorstellbar. Doch auch hier wird der Umgang mit der Vergangenheit schwieriger. Fast 81 Jahre nach Kriegsende ein Vergleich.

Zwei Gedenktage, zwei Botschaften

Japan gedenkt seiner Kriegstoten am 15. August, dem Tag, an dem der Kaiser 1945 die Kapitulation verkünden ließ. Bei der staatlichen Gedenkfeier in Tokio wird an rund 3,1 Millionen Japaner erinnert, die im Krieg starben. In ihrer ersten Rede dort sprach Takaichi im August 2026 nicht von „Reue“ (反省) und erwähnte auch die Verantwortung gegenüber den Nachbarländern in Asien nicht. Sie versprach, die Schrecken des Krieges nie wieder zuzulassen. Ihr Vorgänger Shigeru Ishiba (石破茂) hatte das Wort 2025 nach 13 Jahren wieder in die Rede aufgenommen. Kaiser Naruhito (徳仁) sprach dagegen wie in den Vorjahren von „tiefer Reue“.

Deutschland erinnert am 8. Mai an das Kriegsende. Prägend ist bis heute die Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Bundestag 1985: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.“ Zum 80. Jahrestag 2025 warnte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Bundestag ausdrücklich davor, einen Schlussstrich unter die Geschichte zu ziehen.

Entschuldigungen und Gegenstimmen

Japans Regierung hat sich mehrfach offiziell entschuldigt. Am deutlichsten tat es Premierminister Tomiichi Murayama (村山富市) zum 50. Jahrestag 1995. Japan habe durch „Kolonialherrschaft und Aggression“ vielen Ländern, vor allem in Asien, großen Schaden und Leid zugefügt. Er drückte „tiefe Reue“ aus und bat „von Herzen um Entschuldigung“. Alle späteren Regierungen haben erklärt, an dieser Haltung festzuhalten. Premierminister Shinzō Abe (安倍晋三) fügte 2015 hinzu, künftige Generationen sollten nicht dazu verurteilt sein, sich immer weiter zu entschuldigen. Ishiba veröffentlichte im Oktober 2025 eine persönliche Erklärung zum 80. Jahrestag, ohne Beschluss des Kabinetts. Er fragte darin vor allem, warum die Politik den Krieg nicht verhindert und die Kontrolle über das Militär verloren hatte.

Takaichi selbst hat sich früh gegen solche Erklärungen gestellt. Als junge Abgeordnete nannte sie 1995 in einem Buch eine Entschließung des Parlaments zum 50. Jahrestag einen „törichten Beschluss“, mit dem Japan seine Souveränität und Ehre aufgebe.

Der Schrein und die Denkmäler

Yasukuni ehrt rund 2,47 Millionen Menschen, die für Japan gestorben sind, vor allem Soldaten. Am 17. Oktober 1978 nahm der Schrein 14 Männer auf, die nach dem Krieg als Hauptkriegsverbrecher verurteilt worden waren. Öffentlich wurde das erst 1979. Der damalige Kaiser Hirohito (裕仁) besuchte den Schrein zuletzt 1975, seitdem kam kein Kaiser mehr. Besuche von Premierministern wie Yasuhiro Nakasone (中曽根康弘) 1985, Jun’ichirō Koizumi (小泉純一郎) 2006 und Abe 2013 lösten in China und Südkorea scharfe Proteste aus. Takaichi verzichtet als Regierungschefin bislang auf einen Besuch, auch mit Rücksicht auf die Beziehungen zu China und Südkorea.

In Deutschland steht die Erinnerung an die Opfer im Mittelpunkt. In Berlin erinnert seit Mai 2005 das Denkmal für die ermordeten Juden Europas an den Holocaust. Der Künstler Gunter Demnig hat seit den 1990er Jahren fast 95.000 Stolpersteine verlegt, kleine Gedenktafeln im Gehweg vor den letzten Wohnorten von Opfern, inzwischen in 30 Ländern.

Was Schüler lernen und was die Menschen wissen

In Japan prüft das Bildungsministerium alle Schulbücher. Im April 2021 beschloss das Kabinett, der Begriff 従軍慰安婦, etwa „Trostfrauen des Militärs“, könne missverstanden werden. Die Regierung spricht seitdem nur von 慰安婦. Fünf Schulbuchverlage änderten daraufhin ihre Texte. Nach Angaben der Zeitung Akahata waren 29 Bücher betroffen. Als „Trostfrauen“ werden Frauen bezeichnet, die in Bordellen des japanischen Militärs zur Prostitution gezwungen wurden.

In einer Umfrage des Senders NHK zum 80. Jahrestag antwortete fast die Hälfte der Befragten mit „weiß nicht“ auf die Frage, ob der Krieg ein Angriffskrieg Japans gegen seine Nachbarn in Asien war. Weniger als zehn Prozent der Befragten haben den Krieg noch selbst erlebt.

In Deutschland ist die Zeit des Nationalsozialismus fester Teil des Unterrichts. Bayern schreibt Schülern an Gymnasien und Realschulen in der neunten Klasse den Besuch der Gedenkstätte eines früheren Konzentrationslagers vor, das Saarland seit Dezember 2024. Doch auch hier bröckelt der Konsens. In der Studie MEMO der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft und der Universität Bielefeld befürworteten 2025 erstmals mehr Befragte einen Schlussstrich unter die Zeit des Nationalsozialismus als sie ablehnten: 38,1 gegen 37,2 Prozent. Viele wussten wenig über Verbrechen der Nationalsozialisten an ihrem eigenen Wohnort.

Wer entschädigt wird

Japan betrachtet Entschädigungsfragen als durch Verträge erledigt, etwa durch den Friedensvertrag von San Francisco 1951. Mit Südkorea vereinbarte Japan 1965, alle Ansprüche seien „vollständig und endgültig“ geregelt. 2015 einigten sich beide Länder auf eine „endgültige und unumkehrbare“ Lösung der Frage der Trostfrauen. Japan zahlte eine Milliarde Yen in eine Stiftung. 2018 verurteilte Südkoreas Oberster Gerichtshof dennoch japanische Firmen, ehemalige Zwangsarbeiter zu entschädigen. Seit 2023 zahlt stattdessen eine südkoreanische Stiftung.

Deutschland zahlt bis heute an Opfer. Über die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft erhielten bis 2007 mehr als 1,66 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter aus fast 100 Ländern zusammen 4,4 Milliarden Euro. Über die Jewish Claims Conference bekamen 2024 noch 32.173 jüdische Verfolgte eine monatliche Zahlung. Staatliche Reparationen lehnt aber auch Deutschland ab. Als Polen 2022 rund 1,3 Billionen Euro forderte, erklärte die Bundesregierung, die Frage sei abgeschlossen.

Mehr zur aktuellen Politik von Takaichi und zum Rechtsruck in beiden Ländern beschreibt unser Artikel „Rechtsruck: Warum er in Japan regiert und in Deutschland ausgegrenzt wird“.

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Quellen

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