17. Oktober 2026 · Tokio
Dieser Artikel ist Teil unseres Dossiers Japan und Deutschland.
769.022 Fälle von Mobbing zählten Japans Schulen im Schuljahr 2024, so viele wie nie zuvor. In Deutschland wird jeder fünfte Schüler im Internet gemobbt, wie eine Studie in dieser Woche zeigte. Beide Länder kämpfen mit dem Problem, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Japan zählt jeden gemeldeten Fall und hat ein eigenes Gesetz. Deutschland stützt sich auf Umfragen und überlässt das Thema den Ländern. Auch das Mobbing selbst sieht verschieden aus.
Wie oft: Japan zählt, Deutschland fragt
Mobbing heißt auf Japanisch いじめ (ijime). Das Bildungsministerium (文部科学省) erfasst jedes Jahr, wie viele Fälle die Schulen melden. Im Schuljahr 2024 waren es 769.022, fünf Prozent mehr als im Vorjahr und 61 Fälle auf 1.000 Schüler. Die meisten meldeten Grundschulen. Dass die Zahl so hoch ist, liegt auch daran, dass Japan Mobbing seit 2013 gesetzlich aus Sicht des Opfers definiert: Entscheidend ist, ob ein Kind leidet. Dadurch dürften auch leichtere Fälle in die Statistik einfließen.
Eine solche amtliche Zählung gibt es in Deutschland nicht. Die Zahlen stammen aus Befragungen. In der HBSC Studie, die die Technische Universität München und die Universitätsmedizin Halle leiten, gaben 2022 gut acht Prozent der 11 bis 15 Jahre alten Schüler an, in der Schule gemobbt zu werden. Rund drei Prozent sagten, sie mobben selbst.
Direkt vergleichen lassen sich beide Länder nur dort, wo Schüler dieselben Fragen beantwortet haben. Zuletzt war das bei der internationalen Schulstudie PISA im Jahr 2015 der Fall. Damals hatten in Japan 45,5 Prozent der Fünfzehnjährigen im Jahr zuvor mindestens einmal Mobbing erlebt, in Deutschland 51,4 Prozent. Bei häufigem Mobbing war es umgekehrt: Jede Woche gemobbt wurden in Japan 10,7 Prozent, in Deutschland 5,7 Prozent. Unter 33 OECD Staaten lag Japan damit auf Platz fünf, Deutschland auf Platz 30. In Japan trifft es also etwas weniger Schüler, die aber deutlich häufiger.
Wie gemobbt wird
Japans Bildungsministerium schlüsselt genau auf, was Schüler erleben. Am häufigsten sind Hänseleien, Beschimpfungen und Drohungen. Sie kommen an Grundschulen in 57,5 Prozent der Fälle vor, an Mittelschulen in 63,3 Prozent. An Grundschulen folgen Schubsen, Schlagen oder Treten unter dem Vorwand des Spielens mit 24,5 Prozent. Ausgrenzung und Ignorieren durch die Gruppe nennen Oberschulen in 15,5 Prozent der Fälle. Mobbing über Computer und Smartphones spielt mit dem Alter eine immer größere Rolle: An Grundschulen betrifft es 1,9 Prozent der Fälle, an Oberschulen 13,9 Prozent.
Eine vergleichbare Aufstellung gibt es für Deutschland nicht. Die neueste Zahl betrifft das Internet. Nach der Studie Cyberlife des Bündnisses gegen Cybermobbing, die am 13. Oktober 2026 erschien, sind 20,7 Prozent der Schüler Opfer von Mobbing im Netz geworden, 2024 waren es 18,5 Prozent. Befragt wurden 4.525 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 7 und 20 Jahren. Gut 90 Prozent der Angriffe gehen nach der Studie vom Umfeld der Schule aus, mehr als zwei Drittel der Opfer kennen die Täter. Ein Viertel der Betroffenen berichtete von Suizidgedanken. Die Zahlen aus beiden Ländern messen Unterschiedliches und lassen sich nicht direkt gegenüberstellen. Sie zeigen aber, dass Mobbing im Netz in Deutschland deutlich stärker im Blick ist.
Wer zuschaut
Der japanische Soziologe Yōji Morita (森田洋司) prägte das Bild von vier Schichten beim Mobbing: Um das Opfer stehen die Täter, dann das Publikum, das mitlacht, und schließlich die Zuschauer, die wegsehen. Eine Vergleichsstudie unter seiner Leitung mit England und den Niederlanden kam zu einem auffälligen Ergebnis. In Japan stieg der Anteil der Zuschauer von der Grundschule zur Mittelschule, während weniger Schüler eingriffen oder Lehrer informierten. In England und den Niederlanden sank der Anteil der Zuschauer dagegen mit dem Alter. Die Studie ist allerdings schon älter. Vergleichbare aktuelle Zahlen dazu, wie oft Mitschüler in Deutschland eingreifen, gibt es in den großen Schulstudien nicht.
Zum Druck in der Gruppe passt eine weitere Auswertung von PISA 2015. In den meisten OECD Staaten wurden gute Schüler seltener gemobbt, in Japan dagegen häufiger. Wer in den Naturwissenschaften am besten abschnitt, wurde öfter verspottet als die Schwächsten. Darauf wies 江崎禎英, früher Beamter im Kabinettsbüro, im Wirtschaftsmagazin Toyo Keizai hin. Er sieht darin einen starken Druck, nicht aus der Gruppe herauszustechen.
Was der Staat tut
Japan hat seit 2013 ein eigenes Gesetz gegen Mobbing (いじめ防止対策推進法). Auslöser war der Fall eines Mittelschülers in Ōtsu in der Präfektur Shiga, der gemobbt worden war und sich das Leben nahm. Schule und Schulbehörde gingen so schlecht mit dem Fall um, dass das Parlament handelte. Seitdem muss jede Schule einen Plan gegen Mobbing haben, regelmäßig nachfragen und Verdachtsfälle melden. Schwere Fälle müssen untersucht werden. Davon gab es 2024 insgesamt 1.404, so viele wie nie. In gut einem Drittel davon hatten Schule und Behörden das Mobbing vorher nicht erkannt.
In Deutschland ist Bildung Sache der Länder, ein bundesweites Gesetz gegen Mobbing an Schulen gibt es nicht. Wie Schulen vorgehen, regelt jedes Land selbst, meist über Schulsozialarbeit und Programme zur Prävention. Berlin hat seit dem Frühjahr 2024 wieder eine Beauftragte gegen Mobbing in der Bildungsverwaltung, die Stelle war zuvor mehr als zwei Jahre unbesetzt. Das Bündnis gegen Cybermobbing fordert ein eigenes Gesetz gegen Mobbing im Netz, weil solche Angriffe bislang kaum strafrechtlich verfolgt würden.
Wohin Betroffene ausweichen
In Japan ziehen sich viele Opfer aus der Schule zurück. Unter den 1.404 schweren Fällen waren 896, in denen ein Kind wegen Mobbing lange nicht mehr zur Schule ging. Insgesamt fehlten im Schuljahr 2024 nach Angaben des Ministeriums 353.970 Grundschüler und Mittelschüler mindestens 30 Tage, ohne krank zu sein, so viele wie nie. Mobbing ist dabei nur einer von vielen Gründen. In Deutschland gibt es keine bundesweite Statistik dazu, wie viele Kinder wegen Mobbing die Schule wechseln oder ihr fernbleiben. Wer hier gemobbt wird, kann ab einem Alter der Täter von 14 Jahren auch Anzeige erstatten, denn ab dann sind Jugendliche strafmündig. Ein eigener Straftatbestand Mobbing existiert allerdings nicht, verfolgt werden einzelne Taten wie Beleidigung, Bedrohung oder Körperverletzung.
Wie sich Einsamkeit unter Japans Jugendlichen äußert, beschreibt unser Artikel „Einsamkeit in Japan: Vier von zehn fühlen sich allein“.
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Quellen
- 文部科学省: いじめの状況について (令和6年度)
- 北海道新聞: <社説>いじめ最多更新 教員支援さらに拡充を (07.11.2025)
- 弁護士JPニュース: いじめ防止対策推進法とは? わかりやすく解説
- 法務省 日本法令外国語訳データベース: いじめ防止対策推進法
- nippon.com: 小・中学生の不登校、過去最多35万人超に―文科省調査
- TUM/idw: Pressemitteilung zu den Ergebnissen der HBSC-Studie (04.03.2024)
- News4teachers: Cybermobbing eskaliert: Millionen Schüler betroffen – und Schule ist der Haupttatort (13.10.2026)
- berlin.de/dpa: Neue Beauftragte kämpfen gegen Diskriminierung und Mobbing (17.05.2024)
- 社会実情データ図録: いじめの国際比較(PISA調査), nach OECD PISA 2015, Table III.8.1
- J-CAST: 【書評ウォッチ】繰り返す「いじめ」のわけ 進む究明と見つからない対策 (11.09.2012)
- ストップいじめ!ナビ: 日本では他国より、「傍観者」の割合が多く、「通報者」「仲裁者」が少ない
- 東洋経済オンライン: 「成績が良いといじめられる」日本人の特殊性 (26.10.2023)

