17. Oktober 2026 · Tokio
Dieser Artikel ist Teil unseres Dossiers Japan und Deutschland.
Arbeiten Japaner wirklich mehr als Deutsche? Die kurze Antwort lautet ja, aber längst nicht mehr so viel wie früher. Die lange Antwort ist interessanter. Sie handelt von Urlaub, der verfällt, von Überstunden, die niemand erfasst, und von zwei Regierungen, die die Regeln für die Arbeitszeit gerade lockern wollen.
Was die Statistik zeigt
Nach Daten der OECD, die das japanische Institut für Arbeitspolitik (労働政策研究・研修機構) zusammengestellt hat, arbeitete ein Erwerbstätiger in Japan 2023 im Schnitt 1.611 Stunden. In Deutschland waren es 1.343 Stunden, in den USA 1.799. Japan liegt also vorne, aber längst nicht mehr so weit wie früher. 1985 kam ein Japaner noch auf 2.093 Stunden im Jahr. Die OECD weist selbst darauf hin, dass sich die Werte verschiedener Länder nur eingeschränkt vergleichen lassen, weil sie unterschiedlich erhoben werden.
Ein Grund für die sinkenden Durchschnittswerte ist in beiden Ländern derselbe: Immer mehr Menschen arbeiten in Teilzeit. In Deutschland erreichte die Teilzeitquote 2025 nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) mit 39,9 Prozent einen Höchststand. Im Schnitt arbeiteten Erwerbstätige 30,4 Stunden pro Woche.
Auch in Japan drückt Teilzeit den Durchschnitt. Nach der monatlichen Arbeitsstatistik des Gesundheitsministeriums (厚生労働省) arbeiteten Beschäftigte 2025 im Schnitt 1.621 Stunden. Wer regulär und nicht in Teilzeit beschäftigt ist, kam dagegen auf 1.926 Stunden, davon 158 Überstunden. Diese Zahlen stammen aus Angaben der Arbeitgeber. Überstunden, die nicht bezahlt und nicht erfasst werden, auf Japanisch サービス残業 (sābisu zangyō), tauchen darin nicht auf.
Wie viel Überstunden erlaubt sind
Eine feste Obergrenze für Überstunden hat Japan erst seit 2019. Bei Großunternehmen gilt sie seit April 2019, bei kleinen und mittleren Betrieben seit April 2020, für Bau, Kraftfahrer und Ärzte erst seit April 2024. Grundsätzlich sind 45 Überstunden im Monat und 360 im Jahr erlaubt. Mit Sondervereinbarungen sind bis zu 720 im Jahr möglich, im Monat aber weniger als 100.
Deutschland regelt es anders herum. Das Arbeitszeitgesetz begrenzt nicht die Überstunden, sondern den Arbeitstag: Mehr als acht Stunden sind nur erlaubt, wenn sie im Schnitt wieder ausgeglichen werden, höchstens zehn Stunden pro Tag. Unbezahlte Überstunden gibt es aber auch hier. Nach dem IAB leisteten Beschäftigte im dritten Quartal 2024 im Schnitt 3,3 bezahlte und 3,9 unbezahlte Überstunden. Mehr als die Hälfte der Mehrarbeit blieb also ohne Lohn.
Urlaub, der liegen bleibt
Den größten Unterschied gibt es beim Urlaub. In Deutschland stehen Beschäftigten bei einer Woche mit fünf Arbeitstagen gesetzlich mindestens 20 Urlaubstage zu. In Tarifverträgen sind nach dem Tarifarchiv der Hans Böckler Stiftung 30 Tage der Standard.
In Japan bekamen Beschäftigte nach Angaben des Gesundheitsministeriums 2024 im Schnitt 18,1 Urlaubstage, genommen haben sie davon 12,1. Das entspricht 66,9 Prozent und ist der höchste Wert seit Beginn der Erhebung 1984. Die Regierung will bis 2028 auf mindestens 70 Prozent kommen. In einer Umfrage des Reiseportals Expedia von 2024 ließen Japaner weltweit die meisten Urlaubstage verfallen, nämlich sieben im Jahr. Bei Deutschen waren es zwei.
Wenn Arbeit krank macht
Japan hat ein eigenes Wort für den Tod durch Überarbeitung: 過労死 (karōshi). Seit 2014 gibt es ein Gesetz zu seiner Verhütung, und das Gesundheitsministerium veröffentlicht jedes Jahr, wie viele Fälle es als arbeitsbedingt anerkannt hat. Im Geschäftsjahr 2025 waren es 1.310 Fälle von schweren Erkrankungen durch Überarbeitung. In 145 davon starben die Betroffenen oder versuchten, sich das Leben zu nehmen.
1.082 der anerkannten Fälle betrafen psychische Erkrankungen, so viele wie nie und das siebte Jahr in Folge mehr. Der häufigste Auslöser waren nicht die langen Arbeitszeiten, sondern Schikane durch Vorgesetzte, auf Japanisch パワハラ (pawahara). Herz und Kreislauferkrankungen, die klassische Form des karōshi, wurden 217 Mal anerkannt. Eine vergleichbare amtliche Statistik zum Tod durch Überarbeitung führt Deutschland nicht.
Beide Regierungen wollen lockern
„Ich selbst werfe das Wort Work Life Balance weg. Ich werde arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten und arbeiten.“ Das sagte Sanae Takaichi (高市早苗) im Oktober 2025 nach ihrer Wahl zur Vorsitzenden der Regierungspartei LDP. Der Satz wurde in Japan zum Wort des Jahres. Gleich an ihrem ersten Tag als Premierministerin beauftragte Takaichi das Gesundheitsministerium zu prüfen, ob sich die Regeln für die Arbeitszeit lockern lassen, wenn die Gesundheit geschützt bleibt und Beschäftigte selbst entscheiden können. Seit September 2026 berät ein Ausschuss des Ministeriums darüber. Der Wirtschaftsverband Keidanren (経団連) will mehr Beschäftigte nach festen Pauschalen statt nach tatsächlich geleisteten Stunden bezahlen lassen. Gewerkschaften warnen vor 定額働かせ放題, sinngemäß: unbegrenzt arbeiten lassen zum Festpreis.
In Deutschland hat das Arbeitsministerium von Bärbel Bas im Juni 2026 einen Entwurf vorgelegt. Statt des Achtstundentags soll in Betrieben mit Tarifvertrag auch eine Höchstgrenze pro Woche möglich sein. Im Jahresschnitt bleibt es bei höchstens 48 Stunden pro Woche. Gleichzeitig sollen alle Arbeitgeber die Arbeitszeit elektronisch erfassen. Im Bundestag liegt der Entwurf noch nicht.
Der Unterschied liegt im Ausgangspunkt. Japan hat lange Arbeitszeiten erst seit wenigen Jahren gesetzlich begrenzt und diskutiert schon wieder über mehr Spielraum. Deutschland arbeitet im Schnitt so wenig wie kaum ein anderes Land der OECD und streitet darüber, ob das ein Problem ist.
Wie Einsamkeit am Arbeitsplatz Japans Beschäftigte belastet, beschreibt unser Artikel „Einsamkeit in Japan: Vier von zehn fühlen sich allein“. Mehr zur Lage in Japan insgesamt lesen Sie in unserem Artikel über Suizid in Japan.
Hilfe: Wenn Sie selbst Suizidgedanken haben oder sich um jemanden sorgen: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 sowie online unter telefonseelsorge.de.
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Quellen
- J-CAST: Takaichis Rede nach der Wahl zur LDP Vorsitzenden (05.10.2025)
- リセマム: 新語・流行語大賞2025 (01.12.2025)
- 労働政策研究・研修機構: データブック国際労働比較2025, Tabelle 6-1 (nach OECD)
- 労働政策研究・研修機構: 図解 年間総実労働時間 (nach 毎月勤労統計調査 2025)
- Ärzteblatt/IAB: Teilzeitbeschäftigung erreicht Höchststand (03.03.2026)
- Personalwirtschaft: Machen die Deutschen wirklich so wenig Überstunden wie nie? (05.12.2024)
- 厚生労働省 滋賀労働局: 時間外労働の上限規制
- Hans Böckler Stiftung/WSI Tarifarchiv: Pressemitteilung zu Urlaub (16.06.2026)
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- 労働新聞社 kaiketsu: 労働時間規制の緩和の検討 高市総理が厚労相に指示 (23.10.2025)
- 共同通信/熊本日日新聞: 働き方の行方、本格議論へ 規制緩和是非、労使対立も (16.09.2026)
- Bundestagszusammenfasser: Referentenentwurf zur Änderung des Arbeitszeitgesetzes (18.06.2026)
- der-arbeitszeitrechner.de: Arbeitszeitgesetz 2026, Reform und Stand

