StartGesellschaftAokigahara: Drohnen in der Nacht, Touristen am Tag

Aokigahara: Drohnen in der Nacht, Touristen am Tag

18. Oktober 2026 · Tokio

Nachts kreist über den Baumkronen am Fuß des Fuji eine Drohne. Ihre Wärmebildkamera sucht den Wald nach Menschen ab, die gekommen sind, um sich das Leben zu nehmen. Entdeckt sie jemanden, fliegt eine zweite Drohne hin, und aus der Dunkelheit spricht eine Stimme. Der Wald heißt Aokigahara (青木ヶ原樹海), und seit Jahrzehnten suchen hier immer wieder Menschen den Tod. Im Ausland kennt man ihn deshalb vor allem unter einem Namen: „Suicide Forest“, der Wald der Suizide. Mit den Drohnen versucht die Präfektur Yamanashi seit 2024, Leben zu retten. Gleichzeitig will dieselbe Präfektur Touristen aus Europa und Amerika genau dorthin holen. Zwei Pläne für einen Wald, der seinen Ruf nicht loswird.

Die Stimme aus der Luft

Die Drohnen fliegen seit September 2024 im Auftrag der Präfektur, gesteuert von einer Firma aus Tokio. Sie sind Teil der Suizidprävention und sollen Menschen erreichen, bevor es zu spät ist. Am Boden warten zwei Mitarbeiter, die zu den Menschen gehen, mit ihnen reden und sie in Sicherheit bringen. Nach Angaben des Regionalportals yamanashi in depth ist das bereits mehrfach gelungen. Wie oft, sagt die Präfektur nicht. Manchmal tauchen auf den Bildern auch nur Wanderer oder Hirsche auf.

Die Drohnen sind der neueste Teil eines Netzes, das seit 2008 wächst. Damals schlossen sich die Gemeinden rund um den Wald mit örtlichen Betrieben zusammen, unter dem Namen „Netzwerk, das Leben verbindet“ (いのちをつなぐ青木ヶ原ネットワーク会議). Wer am Eingang des Waldes so wirkt, als könnte er Hilfe brauchen, wird angesprochen. Die Partner bekommen eine Anleitung, an welchen Zeichen man erkennt, dass jemand Hilfe braucht.

Warum ausgerechnet dieser Wald

Eine einzelne Erklärung gibt es nicht, aber mehrere Dinge kommen zusammen. Der Wald ist groß, rund 30 Quadratkilometer, dicht und auffallend still, weil das Lavagestein den Schall schluckt. Deutliche Orientierungspunkte fehlen, das Tourismusamt rät deshalb, immer auf dem Weg zu bleiben. Von außen ist kaum etwas einzusehen. Lange war das Gebiet zudem kaum erschlossen, weil die erstarrte Lava so hart ist.

Berühmt gemacht hat ihn aber vor allem ein Roman. Seichō Matsumoto (松本清張), einer der bekanntesten Krimiautoren Japans, schrieb „Der Wellenturm“ (波の塔). Er erschien 1959 und 1960 als Fortsetzungsroman in der Frauenzeitschrift Josei Jishin (女性自身), danach als Buch und noch 1960 im Kino. Am Ende sucht die Heldin im Wald den Tod. Nach Ramu Murata (村田らむ), der seit Jahren durch den Wald streift und ein Buch über ihn geschrieben hat, war das die erste Darstellung eines Suizids dort. Jede der vielen Verfilmungen habe das Bild vom Wald des Todes weiter verfestigt. Den entscheidenden Schub gab nach Muratas Einschätzung 1993 ein Buch über Suizid, das den Wald ausdrücklich als Ort dafür nannte.

Was dagegen nicht stimmt: Dass im Wald der Kompass verrückt spielt. Die Lava ist zwar leicht magnetisch, das stört einen Kompass nach Angaben des Tourismusamts aber nur, wenn er direkt auf dem Boden liegt. Auch Navigation per Smartphone funktioniert.

Das Video, das um die Welt ging

Wie hartnäckig der Ruf ist, zeigte sich Ende 2017. Der US Youtuber Logan Paul, damals 22 Jahre alt, filmte im Wald einen Toten und stellte das Video online. Die Empörung war weltweit, YouTube strich ihn im Januar 2018 aus mehreren Projekten.

Vor Ort hat sich dagegen vieles verändert. Seit der Fuji 2013 zum Welterbe der UNESCO wurde, wird im Wald deutlich mehr aufgeräumt. Das beobachtet Murata. Illegal abgeladener Müll ist seltener geworden.

Rang 17 oder Rang 2

Wie groß das Problem ist, hängt davon ab, wie man zählt. 2024 nahmen sich nach der Statistik des Gesundheitsministeriums 131 Einwohner Yamanashis das Leben. Das ist Rang 17 unter den 47 Präfekturen, Mittelfeld. Die Polizei zählt dagegen, wo ein Mensch gefunden wurde. Dann sind es 174, und Yamanashi steht auf Rang zwei. Rund ein Viertel von ihnen kam von außerhalb oder hatte keinen bekannten Wohnort. Diese Lücke ist nach Angaben der Präfektur so groß wie kaum irgendwo sonst in Japan.

Was der Wald wirklich ist

Unter dem Moos liegt Lava. Der Wald wächst auf einem Strom, den ein Ausbruch des Fuji im Jahr 864 hinterlassen hat. Rund 1.200 Jahre später bedeckt er etwa 3.000 Hektar. Der Boden ist an vielen Stellen nur zehn Zentimeter dick. Die Wurzeln von Hemlocktannen und Hinoki Scheinzypressen kriechen deshalb wie Adern über das Gestein, in den Lavahöhlen leben Fledermäuse. Der Wald gehört zum Nationalpark Fuji Hakone Izu, die Wege zu verlassen ist verboten.

„Die Wahrheit über Aokigahara“

Genau dieses Bild will Yamanashi verkaufen. 2025 bildete die Präfektur Guides aus und entwickelte Touren durch den Wald, mit Mittagessen aus der Region, etwa Curry mit Hirschfleisch. Zum ersten Erlebnistag im November kamen 74 Menschen. Seit diesem Herbst zielt das Projekt ins Ausland: Im Auftrag der Präfektur bringt der Reiseveranstalter Club Tourism (クラブツーリズム) seit dem 8. Oktober Tourismusbetriebe der Region zusammen. Gesucht werden umweltbewusste Reisende aus Europa, Nordamerika und Australien. In Arbeit ist ein Angebot, dessen Titel direkt auf den Ruf zielt: „Die Wahrheit über den Aokigahara Wald“ (青木ヶ原樹海の真実). Im Dezember soll es eine erste Testtour geben.

Am Montagabend zeigt der Regionalsender YBS eine kurze Sendung der Präfektur mit dem Titel „Entdecke den Zauber des Waldes“ (見つけて!樹海の魅力). Ein Guide führt darin durch den Wald am See Saiko, zu Bäumen, die auf fast nacktem Gestein wachsen.

Wie es um Suizide in Japan insgesamt steht, beschreibt unser Artikel „Suizid in Japan: Höchste Rate der G7, Rekord bei Schülern“.

Hilfe: Wenn Sie selbst Suizidgedanken haben oder sich um jemanden sorgen: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 sowie online unter telefonseelsorge.de. In Japan bündelt das Gesundheitsministerium Hilfsangebote auf der Seite まもろうよこころ.

Quellen

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