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Einsamkeit in Japan: Vier von zehn fühlen sich allein

17. Oktober 2026 · Tokio

Rund vier von zehn Menschen in Japan fühlen sich zumindest gelegentlich einsam. Das zeigt die jüngste Umfrage der Regierung, deren Ergebnisse im April 2026 erschienen. Dabei nimmt Japan das Thema seit Jahren ernst. Schon im Februar 2021, mitten in der Pandemie, beauftragte der damalige Premierminister Yoshihide Suga (菅義偉) einen eigenen Minister damit, den Kampf gegen Einsamkeit zu bündeln. Seit 2024 gibt es dafür sogar ein Gesetz.

Gelöst ist das Problem damit nicht. Die Umfrage zeigt, dass sich vor allem Menschen mitten im Berufsleben einsam fühlen, seltener die Alten. Und auch unter Jugendlichen ist Einsamkeit verbreiteter, als die Umfrage vermuten lässt.

Wer sich einsam fühlt

Für die Umfrage schrieb das Kabinettsbüro (内閣府) im Dezember 2025 rund 20.000 zufällig ausgewählte Menschen ab 16 Jahren an, 11.873 antworteten. 4,5 Prozent gaben an, sich oft oder ständig einsam zu fühlen, 13,7 Prozent manchmal und 19,5 Prozent gelegentlich.

Am häufigsten fühlen sich Menschen zwischen 30 und 59 Jahren oft oder ständig einsam. Den höchsten Wert erreichen Männer in ihren Fünfzigern mit 7,6 Prozent, bei Frauen liegt er in den Dreißigern mit 5,7 Prozent. Unter den über 70 Jahre alten Befragten waren es nur 2,5 bis 3,0 Prozent.

Noch deutlicher wirken die Lebensumstände. Wer allein lebt, fühlt sich fast dreimal so oft einsam wie jemand, der mit anderen zusammenlebt. Bei Arbeitslosen liegt der Anteil bei 11,0 Prozent, bei Menschen, die ihre finanzielle Lage als sehr knapp beschreiben, bei 14,7 Prozent. Erstmals fragte die Regierung nach gemeinsamen Mahlzeiten. Wer fast nie mit anderen isst, fühlt sich zu 17,3 Prozent oft oder ständig einsam. Wer fast täglich mit anderen isst, nur zu 2,7 Prozent.

Die Jüngsten

Jugendliche wirken in der Umfrage unauffällig. Von den 16 bis 19 Jahre alten Befragten fühlten sich 3,3 Prozent oft oder ständig einsam, bei den Mädchen 4,1 Prozent, bei den Jungen 1,9 Prozent. Andere Zahlen zeichnen ein ganz anderes Bild.

Wie verbreitet Einsamkeit unter Jugendlichen ist, die Hilfe suchen, zeigt ein anonymer Beratungschat der Organisation あなたのいばしょ, der Tag und Nacht erreichbar ist. Im Geschäftsjahr 2025 stieg die Zahl der Beratungen von Oberschülern dort nach eigenen Angaben um 35 Prozent, bei Mittelschülern um 23 Prozent. 88,2 Prozent der Jugendlichen, die schrieben, fühlten sich einsam, 33 Prozent sogar immer. Repräsentativ sind diese Zahlen nicht, denn hier melden sich Jugendliche, die bereits Hilfe suchen.

Einen Hinweis auf eine Lücke liefert die internationale Schulstudie PISA. In der Runde 2025, deren Ergebnisse im September 2026 erschienen, landete Japan unter 37 OECD Staaten auf dem letzten Platz bei der Frage, wie oft sich Familien unterstützend um die Schule ihrer Kinder kümmern. Nur 38,4 Prozent der Fünfzehnjährigen sagten, ihre Familie frage täglich oder fast täglich, was sie in der Schule gemacht haben. Im Durchschnitt der OECD waren es 50,7 Prozent.

Allein im Büro

Dass Arbeit nicht vor Einsamkeit schützt, zeigt eine Umfrage der Forschungsabteilung Job総研 des Personaldienstleisters Persol Career. Im Mai 2025 gaben 69,2 Prozent von 576 Berufstätigen zwischen 20 und 59 Jahren an, sich bei der Arbeit schon einsam gefühlt zu haben, nach Angaben des Unternehmens so viele wie nie seit Beginn der Befragung 2019. 21,3 Prozent hatten deswegen bereits gekündigt, weitere 45,4 Prozent darüber nachgedacht. Die Erhebung lief online und ist nicht repräsentativ.

Die Rückkehr vieler Firmen ins Büro nach der Pandemie hat daran offenbar wenig geändert. Nach Angaben von Job総研 stieg die Einsamkeit am Arbeitsplatz gerade ab 2023, als die Rückkehr begann. Statt der Trennung im Homeoffice belaste viele nun, dass sie im Büro schwer miteinander ins Gespräch kommen.

Wenn niemand fehlt

Am deutlichsten wird Isolation dort, wo sie tödlich endet. 2025 starben in Japan nach einer Schätzung der Regierung auf Basis von Polizeidaten 22.222 Menschen allein zu Hause und wurden erst nach mindestens acht Tagen gefunden. Die Regierung wertet das als starkes Zeichen dafür, dass sie zu Lebzeiten sozial isoliert waren. Rund 80 Prozent von ihnen waren Männer, etwa 70 Prozent 65 Jahre oder älter. Mehr als 6.000 waren jünger.

Was der Staat tut

Das Gesetz gegen Einsamkeit und Isolation (孤独・孤立対策推進法) ist seit April 2024 in Kraft. Inzwischen setzt die Regierung auch bei Kindern an. Von November 2026 bis Februar 2027 bietet das Kabinettsbüro Kurse für Schülerinnen und Schüler von der vierten bis zur neunten Klasse an. In etwa 60 Minuten sollen sie lernen, was Einsamkeit ist, wie man sie bei anderen bemerkt und wie man helfen kann.

Der zuständige Minister Kikawada (黄川田) hob bei der Vorstellung der Umfrage im April 2026 einen einfachen Befund hervor: wie wichtig gemeinsames Essen für Bindungen zwischen Menschen ist. Wohin es führen kann, wenn Jugendliche zu Hause und in der Schule keinen Halt finden, zeigt die Szene am Treffpunkt Toyoko in Tokio, über die wir hier berichtet haben. Wie sich Menschen ganz aus der Gesellschaft zurückziehen, beschreibt unser Artikel über Hikikomori.

Quellen

Foto: Romain Guy / CC0 / Wikimedia Commons

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