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Karōshi: Japans Wort für Tod durch Überarbeitung

17. Oktober 2026 · Tokio

Nur wenige japanische Wörter haben es in andere Sprachen geschafft wie 過労死 (karōshi), der Tod durch Überarbeitung. Mehr als 40 Jahre nachdem das Wort entstand, ist das Problem nicht verschwunden.

Woher das Wort kommt

Geprägt wurde der Begriff 1982. Der Mediziner Tetsunojō Uehata (上畑鉄之丞) verwendete ihn gemeinsam mit einem Kollegen als Titel eines Buches über Hirn und Herzerkrankungen durch Arbeit. Bekannt wurde das Wort ab 1988. Im Juni startete eine Beratungshotline mit dem Namen 過労死110番, im Oktober gründeten Anwälte ein landesweites Netzwerk. Danach berichteten Medien immer wieder über Fälle, auch im Ausland setzte sich das Wort karōshi durch. 1991 schlossen sich Hinterbliebene zu einem landesweiten Verband zusammen.

Bis zu einem eigenen Gesetz dauerte es noch mehr als 20 Jahre. Im Juni 2014 verabschiedeten beide Kammern des Parlaments einstimmig das Gesetz zur Verhütung von Tod durch Überarbeitung (過労死等防止対策推進法). Es gilt seit dem 1. November 2014. Seitdem muss die Regierung jedes Jahr ein Weißbuch vorlegen. Die elfte Ausgabe beschloss das Kabinett am 9. Oktober 2026.

Was als karōshi gilt

Das Gesetz fasst darunter drei Fälle: den Tod durch eine Hirn oder Herzerkrankung infolge zu hoher Belastung bei der Arbeit, den Suizid infolge einer psychischen Erkrankung durch starken Stress bei der Arbeit sowie diese Erkrankungen selbst, auch wenn niemand stirbt.

Ob eine Hirn oder Herzerkrankung als arbeitsbedingt anerkannt wird, hängt stark von den Überstunden ab. Als Richtwert gilt in Japan die sogenannte 過労死ライン (karōshi rain), die Grenze zum Tod durch Überarbeitung. Sie liegt bei mehr als 100 Überstunden im Monat vor der Erkrankung oder bei durchschnittlich mehr als 80 Stunden in den zwei bis sechs Monaten davor. Auffällig ist, wie nah die gesetzliche Obergrenze daran liegt, die seit 2019 gilt. Mit Sondervereinbarungen dürfen Beschäftigte bis knapp unter 100 Überstunden im Monat leisten, im Schnitt mehrerer Monate bis zu 80.

Fälle, die Japan erschütterten

Zwei Fälle haben die Debatte in den vergangenen Jahren besonders geprägt. Die Werbeagentur Dentsu (電通) hatte Matsuri Takahashi (高橋まつり) im April 2015 direkt nach dem Studium eingestellt. Im Dezember 2015 nahm sich die 24 Jahre alte Frau das Leben. Die Arbeitsaufsicht erkannte ihren Tod im September 2016 als Folge der Arbeit an. Sie hatte im Monat zuvor rund 105 Überstunden geleistet. Ein Gericht in Tokio verurteilte Dentsu im Oktober 2017 wegen rechtswidriger Überstunden zu einer Geldstrafe von 500.000 Yen.

Im selben Monat machte der öffentlich rechtliche Sender NHK bekannt, dass eine seiner Reporterinnen an Überarbeitung gestorben war. Miwa Sado (佐戸未和) starb 2013 im Alter von 31 Jahren an Herzversagen. Im Monat vor ihrem Tod hatte sie 159 Überstunden geleistet. Die Arbeitsaufsicht wertete ihren Tod als karōshi.

Wie es heute aussieht

Nach dem aktuellen Weißbuch erkannte das Ministerium im Geschäftsjahr 2025 217 Hirn und Herzerkrankungen als arbeitsbedingt an, 24 weniger als im Jahr davor. 67 Betroffene starben. Am häufigsten traf es Berufskraftfahrer. Bei den psychischen Erkrankungen stieg die Zahl dagegen zum siebten Mal in Folge auf 1.082. In 76 Fällen nahmen sich Betroffene das Leben oder versuchten es. Die meisten Anträge kamen aus dem Gesundheitswesen und der Pflege.

Bei den psychischen Erkrankungen lag Schikane durch Vorgesetzte, auf Japanisch パワハラ (pawahara), mit 222 Fällen vorn. Danach folgten Belästigung durch Kunden und sexuelle Belästigung mit je 127 Fällen. Am stärksten gestiegen sind nach dem Weißbuch Fälle, in denen das Verhältnis zu Vorgesetzten der Auslöser war.

Die langen Arbeitszeiten selbst gehen zurück. Von den Beschäftigten, die mindestens 40 Stunden pro Woche arbeiten, kamen 2025 noch 7,7 Prozent auf 60 Stunden oder mehr. Die Regierung will den Anteil auf fünf Prozent senken. Trotzdem werden mehr Hirn und Herzerkrankungen gemeldet. Das Ministerium erklärt das vor allem damit, dass mehr ältere Menschen arbeiten, die ein höheres Risiko haben. Fälle mit weniger als 80 Überstunden im Monat nehmen langsam zu. 67,5 Prozent der Beschäftigten gaben 2025 an, bei der Arbeit unter starkem Stress oder großen Sorgen zu leiden.

Was jetzt diskutiert wird

Das Weißbuch nennt acht Bereiche, auf die sich die Regierung konzentriert: Kraftfahrer, Lehrkräfte, die IT Branche, Gastronomie, Medizin, Bau, Medien sowie Kunst und Unterhaltung. In einer Befragung im Bau berichteten rund 19 Prozent der Beschäftigten von Schikane durch Vorgesetzte. Bei knapp 32 Prozent gab es Hinweise auf eine Depression oder Angststörung, bei Bauleitern sogar bei gut 46 Prozent.

Gleichzeitig prüft die Regierung von Premierministerin Sanae Takaichi (高市早苗), ob sich die Regeln für die Arbeitszeit lockern lassen. Gewerkschaften warnen davor. Wie sich die Arbeitszeit in Japan und Deutschland unterscheidet, beschreibt unser Artikel „Arbeitszeit: Arbeiten Japaner wirklich mehr als Deutsche?“. Mehr zur Lage in Japan insgesamt lesen Sie in unserem Artikel über Suizid in Japan.

Hilfe: Wenn Sie selbst Suizidgedanken haben oder sich um jemanden sorgen: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 sowie online unter telefonseelsorge.de.

Quellen

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