StartGesellschaftMassagesalons als Tarnung: Wie Kinder in Tokios Sexindustrie landen

Massagesalons als Tarnung: Wie Kinder in Tokios Sexindustrie landen

17. Oktober 2026 · Tokio

Dieser Artikel ist Teil unseres Dossiers Kinderschutz in Japan.

Im September 2025 ging ein zwölf Jahre altes Mädchen aus Thailand allein zur Einwanderungsbehörde in Tokio und bat um Schutz. Es wollte nach Hause und wieder zur Schule gehen. Hinter ihm lagen etwa 40 Tage in einem Massagesalon im Tokioter Viertel Yushima, in denen es rund 70 Männer sexuell bedienen musste. Nach einem Bericht des Portals coki nannte die Polizei das Mädchen das jüngste ausländische Kind, das sie bisher als Opfer von Menschenhandel festgestellt hat. Der Fall zeigt, wie Kinder über Lügen, die eigene Familie und Vermittler in die Sexindustrie geraten, und wie wenig die Betreiber nachfragen.

Die Mutter brachte das Kind

Das Mädchen kam am 27. Juni 2025 mit seiner Mutter nach Japan, mit einem Visum für einen kurzen Aufenthalt. Die Mutter hatte selbst in dem Salon gearbeitet und vor der Reise gefragt, ob sie mit ihrer Tochter dort arbeiten könne. Nach den Feststellungen des Bezirksgerichts Tokio wollte sie mit dem Geld ihre Schulden begleichen. Sie hatte das Kind geschlagen und bedroht, es konnte sich nicht wehren. Vor der Abreise musste es lernen, sich als 20 Jahre alt auszugeben und die Mutter „Schwester“ zu nennen. Was für eine Arbeit es erwartete, erfuhr es erst im Salon.

Schon am Tag nach der Ankunft begann das Mädchen zu arbeiten. Am 11. Juli flog die Mutter zurück nach Thailand und nahm alle Einnahmen der Tochter mit. Im August entließ der Betreiber das Mädchen, nachdem eine Mitarbeiterin gesagt hatte, es sei wohl erst 14. Danach arbeitete es nach seiner eigenen Darstellung in einem anderen Betrieb mit sexuellen Dienstleistungen weiter. Im Juni 2026 wurde die Mutter in Thailand unter anderem wegen Menschenhandels zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt.

Niemand prüfte den Pass

Der Salon warb im Internet mit thailändischer Massage. In Onlineforen fanden sich Hinweise auf sexuelle Dienste. Das Gebäude lag in einer Zone, in der Sexgewerbe verboten ist, und auch der Mietvertrag untersagte es. Der 52 Jahre alte Betreiber sagte vor Gericht, er habe das Mädchen für 20 gehalten und eigentlich ernsthaft einen Massagesalon führen wollen. Für Einstellungen sei eine thailändische Managerin zuständig gewesen.

Das Gericht glaubte ihm, dass er das wahre Alter nicht kannte. Verurteilt wurde er trotzdem. Er habe den Pass des Mädchens nie angesehen, hielt Richter Hiroshi Ikegami (池上弘) fest. Das Kinderwohlfahrtsgesetz schützt Arbeitgeber, die das Alter nicht kennen, nur dann, wenn sie nicht fahrlässig gehandelt haben. Das Gericht stellte zudem fest, dass der Betreiber selbst eine sexuelle Handlung an dem Mädchen vornahm, die er als „Test“ bezeichnete. Am 15. September 2026 verurteilte es ihn zu fünf Jahren Haft und einer Million Yen Geldstrafe. Das seelische Leid des Mädchens sei „想像を絶する“, also unvorstellbar. Wegen Menschenhandels war er nicht angeklagt, weil Gewalt oder Zwang durch ihn nicht nachgewiesen wurden. Das Verfahren gegen die 39 Jahre alte Managerin läuft noch, sie bestreitet die Vorwürfe.

Auch japanische Kinder geraten in die Fänge

Nicht nur Kinder aus dem Ausland sind gefährdet. Im Vergnügungsviertel Kabukicho in Shinjuku treffen sich seit Jahren Jugendliche, die von zu Hause weggelaufen sind oder Probleme in Familie und Schule haben, an einem Platz neben dem Kinogebäude Toho, bekannt als Toyoko (トー横). Die Stadtregierung von Tokio schreibt selbst, dass dort Erwachsene Minderjährige für Sex bezahlen.

Wie das abläuft, zeigt ein Fall, über den die Zeitung Sankei im April 2026 berichtete. Ein 37 Jahre alter Mann soll im August 2025 ein 16 Jahre altes Mädchen, das von zu Hause weggelaufen war, bei sich aufgenommen haben. Nach dem Bericht ließ er es 20 Tage bei sich wohnen und brachte es über soziale Medien mit 20 bis 30 Männern zusammen, die für Sex bezahlten. Den größten Teil des Geldes behielt er. Gefunden wurde das Mädchen, weil seine Eltern es als vermisst gemeldet hatten.

Auch falsche Altersangaben spielen eine Rolle. Bei Kontrollen in Kabukicho Ende August und Anfang September 2026 griff die Polizei nach einem Bericht des Nachrichtennetzes FNN 39 Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren auf, 27 davon kamen nicht aus Tokio. Zwei Mädchen im Alter von 14 und 17 Jahren hatten gefälschte Schülerausweise mit falschem Namen und Alter bei sich, vermutlich um in ein Konzeptcafé mit männlichem Personal eingelassen zu werden.

Was Tokio tut

Die Stadtregierung betreibt seit Mai 2024 in Kabukicho eine Anlaufstelle für junge Menschen namens きみまも@歌舞伎町, die ohne Termin erreichbar ist. In den Winterferien 2025 warnte sie auf großen Bildschirmen im Viertel und auf YouTube Erwachsene davor, Minderjährige für Sex zu bezahlen. Wie Japan insgesamt mit dem Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung umgeht, zeigt unser Überblick zum Kinderschutz in Japan. Über ein anderes Geschäft, in dem Männer für Zeit mit Schülerinnen bezahlen, berichtet unser Artikel über das „JK Business“.

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Quellen

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