Japan gilt als eines der sichersten Länder der Welt, und das gilt auch für Jugendkriminalität. 2025 ermittelte die Polizei gegen 24.416 Minderjährige wegen Straftaten nach dem Strafgesetzbuch. Das ist zwar ein Plus von 12,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der vierte Anstieg in Folge, im historischen Vergleich aber immer noch wenig. Anfang der 1980er Jahre waren es über 300.000 Fälle pro Jahr.
Gerade weil solche Taten selten sind, wirken die wenigen schweren Fälle umso stärker nach. Wenn Kinder oder Jugendliche töten, erschüttert das Japan bis heute auf eine Weise, die weit über die reine Nachricht hinausgeht. Einige dieser Fälle haben Gesetze verändert, Debatten ausgelöst und sich tief ins kollektive Gedächtnis des Landes eingebrannt. Das sind ihre Geschichten.
Junko Furuta, 1988/89
Im November 1988 entführten Jugendliche im Tokioter Stadtteil Adachi die 17-jährige Oberschülerin Junko Furuta. Rund 40 Tage lang hielten sie sie im Haus der Eltern eines der Täter gefangen, misshandelten und vergewaltigten sie. Anfang Januar 1989 starb sie. Die Täter steckten ihre Leiche in ein Fass, gossen es mit Beton aus und warfen es auf einem Brachgelände ab. In Japan ist der Fall als „Mord an der Schülerin im Betonfass“ bekannt.
Die vier Haupttäter waren zwischen 16 und 18 Jahre alt. Nach dem Jugendstrafrecht wurden ihre Namen nicht veröffentlicht. Der Haupttäter bekam 20 Jahre Haft, die anderen deutlich weniger. Nach Recherchen des Journalisten Yūji Yamazaki, der die Täter 25 Jahre lang begleitet und im Januar 2026 ein Buch darüber veröffentlicht hat, wurden drei der vier Haupttäter später erneut straffällig. Einer von ihnen wurde 2004 festgenommen, weil er einen Bekannten eingesperrt und misshandelt hatte.
Kobe, 1997: „Seito Sakakibara“
Im Frühjahr 1997 griff ein 14-jähriger Schüler in Kobe mehrere Grundschulkinder an. Ein zehnjähriges Mädchen starb, im Mai tötete er einen elfjährigen Jungen und legte dessen Kopf vor das Tor seiner Mittelschule. An eine Zeitung schickte er Bekennerbriefe, die er mit „Seito Sakakibara“ unterschrieb. Japan war fassungslos, als sich herausstellte, dass der Täter selbst noch ein Kind war.
Der Fall hatte direkte Folgen: Im Jahr 2000 senkte Japan die Altersgrenze, ab der Jugendliche wie Erwachsene vor ein Strafgericht kommen können, von 16 auf 14 Jahre. Der Täter kam in eine Jugendeinrichtung und wurde Anfang 2005 endgültig entlassen. 2015 veröffentlichte er unter dem Namen „Ehemaliger Jugendlicher A“ ein Buch über die Tat, gegen den Willen der Familien der Opfer. 2022 wurde bekannt, dass das Familiengericht Kobe sämtliche Akten des Falls vernichtet hatte.
Sasebo, 2004 und 2014
Am 1. Juni 2004 tötete in Sasebo in der Präfektur Nagasaki ein elfjähriges Mädchen in der Mittagspause eine Mitschülerin mit einem Teppichmesser, in einem leeren Klassenraum ihrer Grundschule. Vorausgegangen war ein Streit in einem Internetforum. Weil sie noch keine 14 war, konnte sie nicht bestraft werden. Sie kam in eine Erziehungseinrichtung.
Zehn Jahre später erschütterte ein zweiter Fall dieselbe Stadt. Im Juli 2014 tötete eine 15-jährige Oberschülerin eine Klassenkameradin in ihrer Wohnung und zerstückelte die Leiche. Ein Familiengericht wies sie 2015 in eine medizinische Jugendeinrichtung ein und stellte eine schwere Autismus-Spektrum-Störung fest. Die Staatsanwaltschaft hatte ein Strafverfahren gefordert, weil die junge Frau nach ihrer Einschätzung weiterhin den Wunsch habe, zu töten.
Kōfu, 2021, und das neue Recht für 18- und 19-Jährige
Im Oktober 2021 drang ein 19-Jähriger in Kōfu in das Haus einer Familie ein, tötete das Ehepaar, verletzte eine Tochter und legte Feuer. An ihm wurde erstmals eine Gesetzesänderung angewandt, die im April 2022 in Kraft trat: Seitdem gelten 18- und 19-Jährige als tokutei shōnen, „besondere Jugendliche“. Wer in diesem Alter angeklagt wird, darf namentlich genannt werden. Medien veröffentlichten seinen Namen, Yūki Endō. Im Januar 2024 wurde er zum Tode verurteilt, er zog seine Berufung zurück. Es ist das erste Todesurteil gegen einen tokutei shōnen.
Asahikawa, 2024
Im April 2024 brachten zwei junge Frauen in Asahikawa auf Hokkaidō eine 17-jährige Schülerin auf die Brücke Kamui Ōhashi, misshandelten sie und stießen sie in den Fluss. Die Mittäterin Yuka Konishi war damals 19 Jahre alt, also eine tokutei shōnen, und wurde im März 2025 zu 23 Jahren Haft verurteilt. Die Haupttäterin Riko Uchida, damals Anfang zwanzig, erhielt im Juni 2026 27 Jahre Haft.
Memes auf TikTok, Empörung in Japan
Vor allem der Fall Junko Furuta erlebt in den sozialen Netzwerken seit Jahren eine Art zweites Leben. Auf TikTok erzählen unzählige Videos ihre Geschichte nach, oft mit ihrem Schulfoto. Im November 2025 schlug das in etwas anderes um. Auf X und TikTok tauchten Memes und bearbeitete Bilder auf, die sich über Furuta lustig machten. Laut der Plattform Know Your Meme waren sie als bewusste Provokation gedacht, als Antwort auf Witze über den Tod des US-Aktivisten Charlie Kirk. Darauf folgte eine Welle von Gegenvideos, die ihre Geschichte erzählten und die Memes verurteilten. Unter Stichworten wie „Junko Furuta stickers“ kursieren solche Inhalte bis heute.
Fast zur selben Zeit sorgte die indonesische YouTuberin Nessie Judge, die rund 11,6 Millionen Abonnenten hat, für einen Skandal. In einem Video vom 2. November 2025 hing ein gerahmtes Foto von Furuta als Dekoration an der Wand. Nach heftiger Kritik wurde das Video gelöscht, Judge entschuldigte sich. In Japan stieß vor allem eines auf: Die Täter leben dank des Jugendstrafrechts unerkannt, das Gesicht des Opfers dagegen geht seit Jahrzehnten um die Welt.

