In der Nacht zum 2. Juli lag Murat Çiçek in einer Zelle der Polizeiwache Takao in Hachiōji im Westen Tokios. Ein Mann aus einer nahen Zelle hörte ihn stöhnen. Nachdem um 21 Uhr das Licht ausgemacht worden war, habe der 48-Jährige in gebrochenem Japanisch immer wieder gerufen, dass er Schmerzen habe und nach Hause wolle. So schildert es der Mann der Zeitung Tokyo Shimbun. Am frühen Morgen brach Çiçek auf der Toilette zusammen und hörte auf zu atmen. Er starb an einer Bauchfellentzündung.
Am Dienstag hat seine Familie beim Bezirksgericht Tokio Klage eingereicht. Sie verlangt 57,75 Millionen Yen (rund 328.000 Euro) Schadenersatz. Verklagt sind die Präfektur Tokio, die für die Hauptstadtpolizei zuständig ist, und die Klinikgesellschaft, für die der Vertragsarzt der Wache arbeitet. Die Familie wirft beiden vor, Çiçek nicht richtig behandelt zu haben.
Festgenommen nach einem Blechschaden
Çiçek war Kurde mit türkischem Pass und lebte in Kawaguchi in der Präfektur Saitama. Im Kinofilm „Minna, oshaberi!“, der im November 2025 in Japan anlief, spielte er den Vater einer kurdischen Familie, die einen Kebabladen betreibt. Am 25. Juni baute er in Hachiōji einen Unfall, bei dem nur Sachschaden entstand. Die Polizei nahm ihn noch an Ort und Stelle fest. Er soll gegen das Einwanderungsgesetz verstoßen haben, weil er seinen Pass nicht dabeihatte.
Vier Tage später musste er sich übergeben, ab dem 30. Juni klagte er über Bauchschmerzen. Die Beamten gaben ihm ein Medikament aus ihrem Vorrat, laut Familie ohne Rücksprache mit einem Arzt. Am 1. Juli wurde Çiçek in der Klinik des Vertragsarztes untersucht. Der Arzt vermutete eine akute Blinddarmentzündung und stellte Verstopfung fest. Trotz dieses Verdachts kam Çiçek noch am selben Tag zurück in die Zelle.
34,1 Grad und kein Anruf beim Arzt
In der folgenden Nacht hatte Çiçek kurz nach Mitternacht nur noch 34,1 Grad Körpertemperatur. Unter 35 Grad gilt ein Mensch als unterkühlt. Die Polizei rief trotzdem keinen Arzt. Sie beruft sich darauf, der Arzt habe nur gesagt, man solle sich bei Fieber melden. Außerdem habe Çiçek am Abend seine Schlafmatte noch selbst in die Zelle getragen. Für die Polizei war das ein Zeichen, dass es ihm nicht so schlecht ging. Der Mithäftling berichtet, Beamte hätten den Mann beschwichtigt, er sei doch schon beim Arzt gewesen.
In der Krankenakte, die der Tokyo Shimbun vorliegt, steht etwas anderes. Bei einer Verschlechterung solle Çiçek ins Medizinzentrum in Hachiōji gebracht werden. Der Arzt bestätigte der Zeitung, dass er für diesen Fall eine Behandlung in einer besser ausgestatteten Klinik angeordnet hatte.
Neun Vorwürfe gegen Polizei und Arzt
Laut der Klage ging die Bauchfellentzündung auf ein Zwölffingerdarmgeschwür zurück. Die Familie listet fünf Versäumnisse der Polizei und vier des Arztes auf. Der Arzt habe nicht gründlich genug untersucht und ein Loch im Darm übersehen. Hätte er außer dem Bauch auch den Brustkorb geröntgt, hätte er Anzeichen der Entzündung womöglich erkannt. Außerdem hätte er die Polizei deutlich drängen müssen, Çiçek in eine größere Klinik zu bringen. Der Polizei werfen die Angehörigen vor, die Anweisung des Arztes missachtet und den unterkühlten Mann sich selbst überlassen zu haben.
Hajime Kanbara, der Anwalt der Familie, sieht das Grundproblem darin, dass die Polizei die Menschenrechte von Festgenommenen kaum ernst nehme. Die Tokioter Polizei will sich nicht äußern, weil ihr die Klageschrift noch nicht vorliegt. Im Juli hatte sie angekündigt zu prüfen, ob die Wache richtig gehandelt hat.
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