Zum ersten Mal in ihrer fast 150-jährigen Geschichte bekommt die Universität Tokio eine Frau an die Spitze. Die Professorin Yuko Fujigaki (藤垣裕子) soll im April 2027 Präsidentin werden. An der Uni selbst sorgt die Wahl aber für Ärger. Denn bei der Abstimmung unter den Lehrenden und Mitarbeitenden lag Fujigaki klar auf Platz zwei. Ihr Konkurrent bekam doppelt so viele Stimmen.
Seitdem streiten Hochschule und Öffentlichkeit darüber, wie die Entscheidung zustande kam. Im Netz kursiert sogar das Schlagwort „Frauenquoten-Präsidentin“. Das Auswahlgremium betont, das Geschlecht sei bei der Auswahl kein Thema gewesen.
Doppelt so viele Stimmen für den Vizepräsidenten
Die Uni Tokio bestimmt ihre Spitze in mehreren Schritten. Zuerst nominieren Gremien Kandidaten, im August blieben fünf übrig. Am 28. September durften dann 2.583 Lehrende und Mitarbeitende in einer Art Stimmungsabfrage (Ikō Tōhyō) ihren Favoriten nennen. Bindend ist diese Abstimmung nicht. Das letzte Wort hat ein Gremium mit 16 Mitgliedern, der Rat für Präsidentenwahl und Aufsicht. Acht Mitglieder kommen aus dem Bildungs- und Forschungsrat der Uni, acht aus ihrem Verwaltungsrat, dem viele Leute aus der Wirtschaft angehören.
Im ersten Wahlgang lag Vizepräsident Takao Someya mit 818 Stimmen vorn, Fujigaki folgte mit 400. Im zweiten Wahlgang unter den drei Bestplatzierten bekam Someya 1.107 Stimmen, also mehr als die Hälfte aller abgegebenen. Fujigaki kam auf 553, der dritte Kandidat Takashi Yamamoto auf 451. Noch am selben Abend entschied sich das Gremium trotzdem für Fujigaki.
Wer ist Yuko Fujigaki?
Fujigaki ist 64 Jahre alt und hat selbst an der Uni Tokio studiert und promoviert. Sie forscht im Fach Wissenschafts- und Technikforschung, also zur Frage, wie Wissenschaft und Gesellschaft zusammenhängen. Zwischendurch arbeitete sie an einem Forschungsinstitut der staatlichen Wissenschaftsbehörde. Seit 2010 ist sie Professorin an der Uni Tokio, von 2021 bis 2025 war sie dort Vizepräsidentin und Mitglied der Hochschulleitung.
Das Gremium begründete seine Wahl mit ihrer Erfahrung als Vizepräsidentin und ihrer Fähigkeit, über Fächergrenzen hinweg zu vermitteln. Sie habe den starken Willen und die Fähigkeit, das Vertrauen in die Wissenschaft wiederherzustellen. Ihre Amtszeit soll vom 1. April 2027 bis zum 31. März 2033 laufen. Vorher muss der Bildungsminister sie noch ernennen.
Bei ihrer Pressekonferenz am 29. September sagte Fujigaki, es sende ein Signal an die Gesellschaft, dass es nach 150 Jahren endlich eine Präsidentin gebe. Sie hoffe, dass mehr Frauen eine Laufbahn in der Forschung anstreben. Auf die Frage, wie sie mit dem Abstand zum Abstimmungsergebnis umgehen wolle, sagte sie, sie wolle ihn durch mehr Austausch innerhalb der Uni überwinden. Die Gremiumsvorsitzende Hiroko Kuniya stellte klar: „Dass Frau Fujigaki eine Frau ist, wurde im Auswahlverfahren nicht diskutiert.“
Lehrende verlangen eine Erklärung
Viele an der Uni überzeugt das nicht. Am 13. Oktober reichte eine Gruppe von Lehrenden und Mitarbeitenden eine Eingabe beim Gremium ein. Bis zum Mittag hatten 523 Personen unterschrieben, darunter 387 Stimmberechtigte. Das sind rund 15 Prozent aller, die abstimmen durften. Sie wollten wissen, wie das Abstimmungsergebnis berücksichtigt wurde, warum die Kandidaten so bewertet wurden und ob die anwesenden Prüfer das Verfahren für ordnungsgemäß halten. Ausdrücklich betonten sie, keinen bestimmten Kandidaten zu unterstützen.
Die Uni veröffentlichte die Antwort des Gremiums am 16. Oktober. Darin heißt es, das Abstimmungsergebnis sei ein wichtiges Kriterium gewesen, aber nicht das einzige. Wie stark es zählte, habe jedes Mitglied selbst gewichtet. Nach rund anderthalb Stunden Beratung habe Fujigaki im Gremium die meiste Unterstützung bekommen. Was genau in den Gesprächen und Bewerbungsinterviews gesagt wurde, bleibt vertraulich.
„Wofür haben wir eigentlich abgestimmt?“
Für die Kritiker ist das zu wenig. Der Betriebswirt Shōhei Funatsu, der selbst an der Uni Tokio lehrt, schrieb im Magazin President Online, in seinem Umfeld frage man sich, wofür man überhaupt zweimal abgestimmt habe. Er warnt, die Abstimmung könne so zur reinen Formsache werden. Ähnliche Kritik gab es zuletzt auch an der Universität Kyoto, wo ebenfalls ein Kandidat Präsident wurde, der in der internen Abstimmung nicht vorn lag.
Bildungsminister Seki sagte am 6. Oktober nur, es sei wichtig, dass die Uni ihre Entscheidung sorgfältig erkläre.
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