StartPanoramaKuriosesAnime oder echt? Was an Japans Klischees dran ist

Anime oder echt? Was an Japans Klischees dran ist

Wer Anime schaut, lernt Japan aus zweiter Hand kennen. Da putzen Schüler ihre eigene Schule, Kinder fahren allein durch die Großstadt, und Liebesgeständnisse fallen auf dem Schuldach. Manches davon klingt völlig ausgedacht und ist ganz normaler Alltag. Anderes gibt es in Japan eher im Fernsehen. Wir haben fünf Klassiker überprüft.

Echt: Die Schüler putzen ihre Schule selbst

Wenn Anime-Figuren nach dem Unterricht mit Besen und Lappen im Klassenzimmer stehen, haben sie nichts angestellt. Sie haben Putzdienst. An vielen japanischen Schulen putzen die Kinder reihum in Gruppen ihr Klassenzimmer, die Flure, die Turnhalle und den Eingangsbereich, meist in der Mittagspause oder nach dem Unterricht. Das beschreibt die Bildungsstiftung The Japan Forum. Besen, Kehrblech und Lappen stehen dafür in jedem Klassenzimmer bereit. Am Ende jedes Schulabschnitts kommt der Großputz, dann werden sogar die Böden gewachst.

Echt: Grundschüler fahren allein Bahn

Ein Erstklässler, der allein quer durch Tokio zur Schule fährt, wirkt wie eine Szene, die sich ein Zeichner ausgedacht hat. Ist sie aber nicht. Laut dem US-Magazin CityLab fahren in Japan schon Sechs- und Siebenjährige allein mit der Bahn zur Schule. Der Kulturanthropologe Dwayne Dixon erklärt das weniger mit Mut als mit Vertrauen in die Gemeinschaft. Die Kinder lernen früh, dass sie sich bei Problemen an Erwachsene wenden dürfen.

Noch jünger sind die Kinder in der Fernsehsendung „Hajimete no Otsukai“, wörtlich „Die erste Besorgung“. Seit 1991 schickt der Sender Nippon TV meist Drei- bis Sechsjährige allein zum Einkaufen. Ein Kamerateam schleicht hinterher, die Nachbarn sind eingeweiht, die Wege vorher geprüft. Seit 2022 läuft die Sendung unter dem Titel „Old Enough!“ auch bei Netflix. Wie japanische Schulen ihre Kinder sonst noch vor die Tür schicken, zeigt unser Artikel über Grundschüler, die Touristen interviewen.

Echt: An Weihnachten gibt es KFC

Dass Japaner zum Fest Brathähnchen von Kentucky Fried Chicken essen, klingt wie ein Witz. Dahinter steckt eine Werbekampagne. Die erste Weihnachtskampagne von KFC Japan startete am 1. Dezember 1974. Takeshi Ōkawara, Leiter der ersten KFC-Filiale in Japan und später Chef des Unternehmens, behauptete in einer NHK-Sendung, im Westen esse man zu Weihnachten Fried Chicken. Später gab er zu, dass er gelogen hatte.

Die Lüge wurde Tradition. Allein vom 23. bis 25. Dezember 2015 setzte KFC Japan 5,49 Milliarden Yen um (rund 31 Millionen Euro). Wer an Heiligabend nicht in der Schlange stehen will, bestellt vor. Für Weihnachten 2025 öffnete die Online-Vorbestellung schon am 4. November. Das große „Party Barrel“ kostete regulär 5.490 Yen (rund 31 Euro).

Echt, aber auf dem Rückzug: Pflichtschokolade

Im Anime zittern am 14. Februar die Jungs, ob sie Schokolade bekommen. Das stimmt. In Japan schenken traditionell die Frauen den Männern Schokolade. Dazu kommt „Giri-Choco“, wörtlich „Pflichtschokolade“, für Kollegen und Chefs. Der Brauch bröckelt allerdings. Laut einer Umfrage des Marktforschers Intage unter rund 2.500 Frauen wollten 2026 schon 85,4 Prozent bei der Pflichtschokolade im Büro nicht mitmachen, so viele wie nie seit Beginn der Erhebung 2022. Insgesamt wollten 42,8 Prozent gar keine Schokolade verschenken. Fast unverändert blieb dagegen der Anteil der Frauen, die Schokolade für sich selbst kaufen (21,3 Prozent).

Eher Anime: Mittagessen auf dem Schuldach

Kaum ein Ort ist im Anime so beliebt wie das Schuldach. Hier wird gegessen, geschwänzt und gestanden. In echten Schulen sieht das anders aus. Das Bildungsministerium rät Schulen in seinen Hinweisen zur Unfallverhütung, Dächer ohne Zaun abzuschließen oder das Betreten zu verbieten. Wer das romantische Mittagessen mit Aussicht nachspielen will, landet deshalb womöglich vor einer verschlossenen Tür.

Quellen

Mehr zum Thema

Schreib einen Kommentar

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein