Eine Büroangestellte aus Osaka schaut am Morgen des 22. Oktober auf ihr Devisenkonto. Statt rund 3 Millionen Yen (rund 17.000 Euro) liegen dort nur noch etwa 1,2 Millionen. Über Nacht hat jemand in ihrem Namen gehandelt und dabei unter anderem südafrikanische Rand gegen Euro getauscht. Das erzählte die 37-Jährige der Nachrichtenagentur Kyodo.
Sie ist eine von vielen Kunden der GMO Internet Group, die Hacker in den vergangenen Tagen geschädigt haben. Der Fall ist so ernst, dass GMO den Staat um Hilfe bittet. Am Montagabend japanischer Zeit kam Premierministerin Sanae Takaichi mit ihren Ministern zu einer Sondersitzung zur Cybersicherheit zusammen, wegen einer ganzen Reihe von Datenlecks.
Fremde Hände am Handelskonto
Betroffen ist der Dienst „Onamae.com Desktop Cloud“. Dort mieten Anleger virtuelle Windows-Rechner, auf denen Programme automatisch mit Devisen handeln. Nach Anfragen von Kunden begann GMO am 19. Oktober mit der Suche und fand am Tag darauf ein eingeschleustes Schadprogramm. Am 21. Oktober ab 4:00 Uhr schaltete das Unternehmen nach und nach alle Server ab. Bis zu 26.739 Server könnten betroffen sein.
Die Angreifer nutzten laut GMO eine Sicherheitslücke im System und holten Kundendaten heraus. Mit Zugangsdaten zu Handelskonten, die dabei womöglich abflossen, handelten sie in fremdem Namen. Kunden melden Geschäfte, die sie nie in Auftrag gegeben haben. In sozialen Netzwerken berichten Nutzer von Verlusten in Höhe mehrerer Millionen Yen. GMO spricht von einem „äußerst bösartigen und beispiellosen Vorgehen“.
Erpressung, und GMO zahlt nicht
Inzwischen verlangen mutmaßliche Täter Geld von GMO. Sonst wollen sie bei mehr als 70 Wertpapier- und Devisenhändlern im In- und Ausland weiter Konten manipulieren, Daten über die Rechner der Kunden veröffentlichen, mit Erpressersoftware angreifen und interne Informationen über das Unternehmen ins Netz stellen. GMO lehnt ab, weil eine Zahlung nicht garantiere, dass die Daten gelöscht werden. Die Polizei ermittelt.
Jeder Kunde bekommt 5.000 Yen (rund 28 Euro), auch wer kein Geld verloren hat. Tatsächliche Verluste aus den falschen Geschäften will GMO ersetzen, abzüglich dessen, was die Händler selbst zurückzahlen. Wie man das beantragt, sollen die Kunden bis zum 6. November erfahren. Das alte System geht nicht wieder ans Netz.
Ruf nach der „aktiven Cyberabwehr“
Am 24. Oktober bat GMO die Regierung, zum ersten Mal die sogenannte aktive Cyberabwehr einzusetzen. Das Gesetz dazu gilt in Teilen seit dem 1. Oktober. Es erlaubt Polizei und Selbstverteidigungsstreitkräften, Server von Angreifern aufzuspüren, zu blockieren und unschädlich zu machen. GMO gehört allerdings nicht zu den Betreibern kritischer Infrastruktur, die das Gesetz ausdrücklich nennt. Private Firmen könnten grenzüberschreitende Banden allein nicht stoppen, schreibt das Unternehmen.
Regierungssprecher Minoru Kihara sagte laut Nikkei, über ein solches Eingreifen werde unabhängig davon entschieden, ob ein Opfer darum bittet. Welche Schritte die Ministerrunde am Montagabend beschlossen hat, war zunächst nicht bekannt.
Japans Hackerwelle reißt nicht ab
GMO ist nur der jüngste Fall. Seit Wochen melden in Japan Firmen und Behörden Datenlecks, beim Paketdienst Sagawa könnten bis zu 53,23 Millionen Datensätze abgeflossen sein. Am Sonntag kam die Manga-App Piccoma dazu. Über einen Dienstleister für den Mailversand gelangten rund 1 Million Mailadressen von Kunden nach außen.
Wie es weiterging: Kopfgeld statt Lösegeld: GMO jagt seine Erpresser

