In Japan hat das Problem einen eigenen Namen: パワハラ (pawahara), kurz für „Power Harassment“. Gemeint ist Machtmissbrauch am Arbeitsplatz, also wenn Vorgesetzte ihre Stellung ausnutzen, um Untergebene anzuschreien, zu beleidigen oder mit sinnlosen Aufgaben zu zermürben. Seit 2020 schreibt ein Gesetz großen Unternehmen vor, ihre Beschäftigten davor zu schützen, seit 2022 gilt das auch für kleine Betriebe. Als Pawahara gilt danach, was drei Bedingungen erfüllt: Es geht von jemandem mit einer überlegenen Stellung aus, es überschreitet das, was für die Arbeit nötig und angemessen ist, und es beeinträchtigt das Arbeitsumfeld.
2026 wurde daraus in Yokohama ein politischer Skandal, der einen Bürgermeister das Amt kostete.
Der Bürgermeister
Takeharu Yamanaka (山中竹春) war Professor für Datenwissenschaft an der Städtischen Universität Yokohama, bevor er 2021 Bürgermeister von Yokohama wurde, mit rund 3,7 Millionen Einwohnern Japans größte Stadt nach Tokio. Unterstützt von der Opposition gewann er damals gegen Amtsinhaberin Fumiko Hayashi, vor allem mit seinem Nein zu einem Casino-Resort im Hafen. Im August 2025 wurde er wiedergewählt.
Der Personalchef packt aus
Am 11. Januar 2026 veröffentlichte das Wochenmagazin Shūkan Bunshun schwere Vorwürfe gegen Yamanaka. Erhoben hatte sie kein anonymer Informant, sondern der Leiter der städtischen Personalabteilung, Kubota, mit Namen und Gesicht. Vier Tage später stellte er sich bei einer Pressekonferenz rund 40 Journalisten. Wenn andere nicht sprechen könnten, müsse er es eben öffentlich machen, begründete er seinen Schritt.
Laut Kubota soll Yamanaka einen Vizebürgermeister als „Strauß“ und „menschlichen Abschaum“ bezeichnet haben. Einem früheren Vorsitzenden des Stadtrats soll er „Fettwanst, verreck doch“ hinterhergerufen haben. Ihn selbst habe der Bürgermeister angeschrien und mit Papieren nach ihm geworfen. Über eine internationale Konferenz, die Yokohama ausrichten wollte, soll Yamanaka gesagt haben, wenn die Stadt den Zuschlag nicht bekomme, sei Seppuku fällig, also rituelle Selbsttötung. Bunshun veröffentlichte dazu Tonaufnahmen. Kubota schilderte, die Vorfälle hätten bei ihm Herzrasen und Zittern ausgelöst. Er verlangte keinen Rücktritt, sondern eine Entschuldigung und eine unabhängige Untersuchung.
Yamanaka reagierte zunächst schriftlich: Bei Personalbewertungen spreche man eben auch über Schwächen der Beurteilten. Er entschuldigte sich, blieb aber im Amt.
Der Bericht
Die Stadt setzte einen unabhängigen Untersuchungsausschuss ein, dem auch Anwälte angehörten. Am 30. Juli 2026 legte er seinen Bericht vor und stellte Machtmissbrauch durch den Bürgermeister fest, darunter auch den missbräuchlichen Einsatz seiner Befugnisse bei Personalentscheidungen. Nach Angaben von Bunshun erkannte der Ausschuss sieben Fälle an, in denen Yamanaka Mitarbeiter herabgewürdigt und sich abfällig über Frauen geäußert hatte.
Yamanaka sagte, er nehme den Bericht sehr ernst, wollte aber weitermachen. Die Ishin-Partei kündigte einen Misstrauensantrag an, auch andere Parteien forderten seinen Rücktritt. Am 28. August gab er auf. Er entschuldige sich zutiefst dafür, durch sein Verhalten Vertrauen beschädigt und die Stadtverwaltung in Unruhe gestürzt zu haben, sagte er.
Und dann das Comeback
Einen Monat später überraschte Yamanaka mit der Ankündigung, bei der Neuwahl wieder anzutreten, diesmal ohne Partei hinter sich. Wie die Wähler am 18. Oktober entschieden haben, beschreibt unser Artikel „Yokohama hat eine neue Bürgermeisterin: Atsumi Harasawa gewinnt die Wahl“.
Wie Japan Beschäftigte inzwischen auch vor pöbelnden Kunden schützt, steht in unserem Artikel „Der Kunde ist kein König mehr“.

