Rund 1,3 Millionen Japaner leben laut dem japanischen Außenministerium im Ausland, so viele mit dauerhaftem Aufenthaltsrecht wie nie. Oft heißt es, sie gingen wegen des Geldes. Wer mit Auswanderern spricht, hört aber vor allem etwas anderes: Sie wollen ein Leben, in dem die Arbeit nicht alles bestimmt.
„Viele junge Leute, mit denen ich spreche, sind frustriert von einer Arbeitskultur, die ihnen die Zeit für sich selbst, für Hobbys oder für Dates nimmt“, sagt der Macher des Youtube-Kanals The Japan Reporter in einem Video, für das er junge Leute befragt hat. Traditionelle Firmen in Japan forderten einen Menschen „körperlich und seelisch“ und seien „sehr unflexibel“, sagt eine der befragten Personen.
Mehr Zeit zum Leben
Auch die Forschung bestätigt das. Die Migrationsforscherin Nana Ōishi von der Universität Melbourne untersucht, warum Japaner auswandern. Laut ihren Studien suchten Japaner in Australien schon vor 2011 vor allem einen besseren Lebensstil: mehr Zeit neben der Arbeit, Natur, ein gutes Umfeld für Kinder, Sicherheit und mehr Gleichberechtigung. Ein höheres Einkommen stand dagegen nicht im Vordergrund. Nach dem Erdbeben und dem Atomunfall von 2011 kam bei vielen die Sorge um Japans wirtschaftliche Zukunft dazu, etwa um die Renten.
Der Soziologe Hiroaki Konno von der Senshū-Universität kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Viele Japaner in Australien wollten der Enge der japanischen Gesellschaft entkommen, den starren Hierarchien im Umgang miteinander, den Rollenbildern für Männer und Frauen und dem Stress in den Großstädten. Sie suchten ein Leben mit mehr Freiraum, günstigeres Wohnen und ein besseres Umfeld für ihre Kinder.
Ein Unterschied zeigt sich beim Urlaub. Japanische Beschäftigte hatten 2024 im Schnitt Anspruch auf 18,1 Tage bezahlten Urlaub, genommen haben sie nur 12,1 Tage. Das ist zwar der höchste Wert seit 1984, wie das Arbeitsministerium mitteilte. In Australien stehen Vollzeitbeschäftigten aber gesetzlich vier Wochen bezahlter Urlaub zu, also rund 20 Arbeitstage. Wie lange Japaner tatsächlich arbeiten, beschreibt unser Artikel „Arbeitszeit: Arbeiten Japaner wirklich mehr als Deutsche?“.
Weg von Druck und Rollenbildern
Besonders Frauen gehen. Unter den Auslandsjapanern waren 2022 laut Zahlen des Außenministeriums, die das staatliche Institut für Bevölkerungsforschung IPSS aufbereitet hat, 53 Prozent Frauen. Unter denen mit Daueraufenthaltsrecht waren es sogar 62 Prozent. Ein Teil der Frauen begleitet allerdings Ehemänner, die von ihrer Firma ins Ausland geschickt werden, schrieb das Portal Nippon.com.
Im Video von The Japan Reporter beschreibt eine befragte Person den Druck in Japan so: Frauen müssten sich auf eine bestimmte Art kleiden, sich auf eine bestimmte Art verhalten und ein bestimmtes Gewicht haben, um als Frau akzeptiert zu werden.
Und dann ist da noch das Geld
Für junge Leute ist auch der Verdienst ein Argument. Japans Löhne stagnieren seit Jahren, und der Yen hat stark an Wert verloren. Gegenüber dem australischen Dollar fiel er laut dem Finanzportal Gold Online innerhalb von rund vier Jahren um fast 30 Prozent.
In Australien liegt der gesetzliche Mindestlohn seit Juli 2026 bei 26,44 australischen Dollar pro Stunde. Beim Kurs von Mitte Oktober sind das rund 2.900 Yen (16,50 Euro). In Japan steigt der Mindestlohn im Herbst 2026 auf durchschnittlich 1.177 Yen (6,60 Euro). Wer in Australien zum Mindestlohn arbeitet, verdient damit fast zweieinhalbmal so viel.
Viele junge Japaner probieren das mit einem Working-Holiday-Visum aus, das Arbeit und Reisen für etwa ein Jahr erlaubt. Leicht ist es nicht. Einfache Jobs in Restaurants in den Städten sind laut dem Finanzportal Money Post längst heiß begehrt, gefragt sind vor allem Fachkräfte, etwa aus der Krankenpflege. Viele kehrten enttäuscht nach Japan zurück, schreibt Gold Online. Von Juli bis Dezember 2025 erhielten Japaner 7.110 dieser Visa für Australien, 9,4 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor.
So viele bleiben dauerhaft wie nie
Am 1. Oktober 2025 lebten 1.298.170 Japaner im Ausland, nur 0,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Den Höchststand gab es 2019 mit mehr als 1,4 Millionen. Gewachsen ist aber die Zahl derer, die bleiben. 588.486 haben im Gastland ein Daueraufenthaltsrecht, 45 Prozent aller Auslandsjapaner. Das ist der höchste Wert in der Statistik des Außenministeriums, die bis 1991 zurückreicht. Die meisten leben in den USA (416.380), gefolgt von Australien (105.566) und China (92.928).
Darüber nachgedacht haben noch viel mehr. In einer Umfrage Ōishis unter japanischen Hochschulabsolventen konnte sich fast jeder Dritte vorstellen, für längere Zeit ins Ausland zu gehen, unter denen mit Auslandserfahrung mehr als die Hälfte. Ōishi fordert eine umfassende Politik für den „Kreislauf der Köpfe“, auf Englisch Brain Circulation.

