Dieser Artikel ist Teil unseres Dossiers Japan und Deutschland.
Am 10. Oktober hat der Verlag Langenscheidt auf der Frankfurter Buchmesse das Jugendwort des Jahres 2026 verkündet. Es heißt „Ragebait“. Gemeint sind Beiträge in sozialen Netzwerken, die absichtlich wütend machen sollen, etwa mit Falschmeldungen oder absurden Meinungen. Die Wut bringt Kommentare, Likes und Reichweite. Dahinter landeten „Peak“, das Beste vom Besten, und „Crashout“, der komplette Ausraster. Alle drei Wörter stammen aus dem Englischen.
Japans Schülerinnen haben in diesem Jahr ein ganz anderes Lieblingswort gekürt. Es heißt „Wahō“ (ワホー) und bedeutet nichts.
Ein Wort ohne Bedeutung
„Wahō“ steht auf Platz eins der Wortliste des „JC JK Ryūkōgo Taishō“ für das erste Halbjahr 2026. JC und JK sind in Japan die gängigen Kürzel für Schülerinnen der Mittelschule (joshi chūgakusei) und der Oberschule (joshi kōkōsei). Die Liste stellt die Tokioter Marketingfirma AMF zusammen, die sich auf junge Zielgruppen spezialisiert hat. Grundlage ist eine Umfrage unter rund 1.000 Schülerinnen im ganzen Land.
Das Wort ist zwölf Jahre alt. Der Youtuber SEIKIN rief es 2014 in einem Video, als sinnlose spontane Einlage. Auf Tiktok wurde die Szene wiederentdeckt, seitdem ruft man „Wahō“ einfach so dazwischen. Es geht um den Klang, nicht um den Inhalt.
AMF-Chefin Rika Shiiki beschreibt das Jahr mit dem Satz, die Zeitachse sei „geschmolzen“. Alte Inhalte treffen in sozialen Netzwerken auf einen neuen Zusammenhang und werden zum aktuellen Trend. Für heutige Schülerinnen seien die Heisei-Zeit (1989 bis 2019) und die frühen 2010er-Jahre eine Epoche, die sie selbst nicht bewusst erlebt haben. Gerade deshalb wirke diese Kultur auf sie frisch.
Auf Platz zwei folgt „Furenemī“, aus dem englischen „Frenemy“: eine Person, die nach außen freundlich tut, hinter dem Rücken aber neidisch ist und gegen einen arbeitet. Platz drei belegt „Reishōkei“, wörtlich etwa „die Fraktion des kalten Lächelns“. So nennt man Leute, die ernsthafte Anliegen und Begeisterung von oben herab belächeln. Ursprünglich stammt das Wort aus politischen Debatten im Netz. Inzwischen steht es für eine Stimmung, in der es als uncool gilt, sich für etwas zu begeistern. Auf Platz fünf steht ein ganzer Satz im Dialekt von Kansai, „Honma ya de, nande ya nen, shiran kedo“, sinngemäß „Echt jetzt, was soll das, keine Ahnung“. Er ist der Titel eines Songs der Gruppe Monaki.
Wer bestimmt, was ein Jugendwort ist?
In Deutschland gibt es eine einzige große Wahl. Langenscheidt veranstaltet sie seit 2008, abstimmen dürfen nur 11- bis 20-Jährige. In diesem Jahr machten fast eine Million junge Menschen mit. In der Endrunde bekam „Ragebait“ 36,5 Prozent der Stimmen, „Peak“ 33,8 und „Crashout“ 29,7 Prozent.
In Japan gibt es keine landesweite Abstimmung wie in Deutschland. Neben der Liste von AMF, die nur Schülerinnen befragt, gibt es die Auswahl des Wörterbuchverlags Sanseidō. Dessen Lexikografen kürten im Dezember 2025 das „Neue Wort des Jahres“. Gewonnen hat „Biju“, eine Kurzform von „bijuaru“, also „visuell“. Gemeint ist der Eindruck, den jemand mit seinem Aussehen und seiner Ausstrahlung macht. Unter jungen Leuten war das Wort schon länger verbreitet. Richtig bekannt machte es 2025 der Hit „Ii jan“ der Boygroup M!LK.
Ein Wort taucht in beiden Ländern auf: „67“, auf Englisch „six seven“. Was es bedeutet, wissen nach einem Bericht des Schweizer Senders SRF nicht einmal die Jugendlichen selbst so genau. Man sagt es als Insiderwitz, oft mit einer Handbewegung, als würde man etwas abwägen. Verbreitet hat es sich in den USA über Tiktok, Basketball-Memes und den Song „Doot Doot (6 7)“ des Rappers Skrilla. In Deutschland stand „67“ unter den zehn Kandidaten für das Jugendwort, Langenscheidt hatte es sogar unter den ersten drei erwartet. In Japan stand die Zahl auf der Liste der 50 Kandidaten der Schülerinnen.
Was ein Jugendwort ausmacht, beschreiben Fachleute in beiden Ländern ähnlich. Ein Wort werde erst dann zum echten Jugendwort, wenn es seinen ursprünglichen Bereich verlässt, sagt der Hamburger Sprachwissenschaftler Jannis Androutsopoulos zu „Ragebait“. Ähnlich beschreibt Sanseidō den Weg von „Biju“. Erst ging es um Idols, inzwischen hat auch ein Hund oder eine Schüssel Ramen eine gute „Biju“. Wie unterschiedlich der Alltag von Jugendlichen in beiden Ländern sonst aussieht, zeigt unser Artikel „Schulalltag: Was Japans Schüler anders machen als deutsche“.
Die Jungen ändern sogar die Grammatik
Jugendwörter kommen und gehen. In Japan verändern die Jüngeren aber auch die Grammatik, und das lässt sich messen. Am 2. Oktober veröffentlichte das Kulturamt seine Umfrage zur japanischen Sprache. Befragt wurden Anfang 2026 Menschen ab 16 Jahren, 3.777 von 6.000 Angeschriebenen antworteten.
Eine Frage betrifft die sogenannten „ra-nuki kotoba“, wörtlich „Wörter ohne ra“. Will man auf Japanisch sagen, dass man etwas tun kann, hängt man an viele Verben die Endung „-rareru“. Aus „miru“ (sehen) wird „mirareru“ (sehen können). Viele lassen die Silbe „ra“ weg und sagen „mireru“. Als Standard gilt die lange Form.
Bei den 16- bis 19-Jährigen hat sich die kurze Form durchgesetzt. 81,3 Prozent von ihnen sagen „mireta“ statt „mirareta“ (konnte sehen), 77,7 Prozent „dereru“ statt „derareru“ (kann hinausgehen) und 73,2 Prozent „koremasu ka“ statt „koraremasu ka“ (Können Sie kommen?). Bei den über 70-Jährigen ist es umgekehrt. 70,7 Prozent von ihnen sagen „taberarenai“ (kann nicht essen), bei den Jüngsten benutzt dagegen mehr als die Hälfte die kurze Form „taberenai“. Seit einer Umfrage von 2020 hat sich das Verhältnis bei „taberenai“ und „dereru“ um zwei bis drei Prozentpunkte zur kurzen Form verschoben, bei den anderen Beispielen kaum.
„Naruhaya“ gegen „tsūkā“
Die Umfrage zeigt auch, dass sich die Generationen gegenseitig auf die Nerven gehen. Gefragt wurde nach „naruhaya“, einer Abkürzung für „naru beku hayaku“, so schnell wie möglich. Mehr als 70 Prozent der Befragten bis Ende 20 benutzen das Wort. Mehr als 70 Prozent der über 70-Jährigen stören sich daran.
Umgekehrt funktioniert es genauso. Das Wort „tsūkā“ beschreibt zwei Menschen, die sich ohne Worte verstehen. Rund zwei Drittel der über 60-Jährigen benutzen es. Bei den 16- bis 19-Jährigen stören sich mehr als 70 Prozent daran.
Ganz verabschieden wollen sich die Jungen vom Alten aber nicht. 87,5 Prozent der 16- bis 19-Jährigen schreiben im Alltag noch mit der Hand, deutlich mehr als im Durchschnitt aller Befragten (69,6 Prozent). Dass man die Handschrift bewahren sollte, finden insgesamt 80,4 Prozent. 2014 waren es noch über 90 Prozent, damals allerdings mündlich erhoben.

