Er musste wegen Machtmissbrauchs gegenüber seinen Mitarbeitern zurücktreten und wollte trotzdem wieder ins Amt. Daraus wird nichts: Bei der Bürgermeisterwahl in Yokohama am Sonntag, dem 18. Oktober, hat sich die parteilose Anwältin Atsumi Harasawa (原沢敦美) durchgesetzt. Nach Hochrechnungen japanischer Medien schlug sie den zurückgetretenen Amtsinhaber Takeharu Yamanaka und fünf weitere Bewerber.
Yokohama ist mit rund 3,7 Millionen Einwohnern Japans größte Stadt nach Tokio. Die Wahl war eine vorgezogene: Sie wurde nur nötig, weil Yamanaka über einen Skandal um Machtmissbrauch am Arbeitsplatz gestolpert war, auf Japanisch pawahara, von „Power Harassment“.
Rücktritt nach sieben Fällen
Im Januar 2026 hatte der Personalchef der Stadt öffentlich gemacht, dass Yamanaka Mitarbeiter als „Strauß“ und „menschlichen Abschaum“ beschimpft haben soll. Ein unabhängiger Untersuchungsausschuss bestätigte im Juli Machtmissbrauch, nach Angaben des Magazins Shūkan Bunshun in sieben Fällen. Am 28. August trat Yamanaka zurück, nur ein Jahr nach seiner Wiederwahl. Die ganze Geschichte des Skandals erzählt unser Artikel „Machtmissbrauch im Rathaus: Wie Yokohamas Bürgermeister stürzte“.
Comeback ohne Rückhalt
Einen Monat später kündigte Yamanaka überraschend an, bei der Neuwahl wieder anzutreten, diesmal ohne Partei hinter sich. 2021 hatte ihn noch die Opposition um die Konstitutionell-Demokratische Partei unterstützt, damals gewann er gegen Amtsinhaberin Fumiko Hayashi. Sein zentrales Thema war damals das Nein zu einem Casino-Resort im Hafen von Yokohama.
Die Rechnung ging nicht auf. Die Lokalzeitung Kanagawa Shimbun wertet das Ergebnis als klare Absage der Wähler an eine Fortsetzung seiner Amtszeit.
Wer ist Atsumi Harasawa?
Die 59-Jährige hat einen ungewöhnlichen Lebenslauf. Rund zwölf Jahre arbeitete sie bei Japan Airlines als Ingenieurin in der Flugzeugwartung. 2009 wurde sie Anwältin. Sie ist außerdem Reserveoffizierin der Selbstverteidigungsstreitkräfte und hat Erfahrung in der Katastrophenhilfe.
Formal trat Harasawa als Unabhängige an. Unterstützt wurde sie aber von den Kanagawa-Verbänden der Regierungspartei LDP, der Ishin-Partei und der Demokratischen Volkspartei sowie von der Komeito-Fraktion im Stadtrat. Im Wahlkampf versprach sie eine offenere Stadtverwaltung, Schutz vor Machtmissbrauch und Hilfe für Betroffene, dazu mehr Katastrophenschutz und solidere Finanzen. Ein Casino-Resort lehnt auch sie ab.
Harasawa ist nach Fumiko Hayashi, die von 2009 bis 2021 regierte, die zweite Frau an der Spitze Yokohamas.
Ein breites Feld ohne Chance
Mit sieben Bewerbern war das Feld so groß wie selten. Neben Yamanaka gingen auch die übrigen fünf leer aus: der von der Konstitutionell-Demokratischen Partei unterstützte Abgeordnete Kazuma Nakatani (43), der Architekt und Pritzker-Preisträger von 2024 Riken Yamamoto (81), der von der rechtspopulistischen Sanseito unterstützte Unternehmer Atsushi Fukuyama (37), die Kommunistin Yuka Asaka (46) und die Aktivistin Sachiko Fujikawa (51).
Warum das über Yokohama hinaus zählt
Machtmissbrauch am Arbeitsplatz ist in Japan seit Jahren ein großes Thema. Seit 2020 sind Unternehmen gesetzlich verpflichtet, Maßnahmen dagegen zu ergreifen. Dass ein Bürgermeister einer Millionenstadt deswegen sein Amt verliert und die Wähler ihm auch die zweite Chance verweigern, ist ein deutliches Signal. Gleichzeitig holt das Lager um die LDP mit Harasawa eine Stadt zurück, die 2021 an einen Kandidaten der Opposition gegangen war.
Wie Japan Beschäftigte inzwischen auch vor pöbelnden Kunden schützt, beschreibt unser Artikel „Der Kunde ist kein König mehr“.

