StartGesellschaftNishinari: Das Viertel, das man Japans Slum nennt

Nishinari: Das Viertel, das man Japans Slum nennt

Fragt man in Japan nach dem ärmsten Ort des Landes, fällt die Antwort fast immer gleich aus: Nishinari (西成区) in Osaka, vor allem das Viertel rund um den Bahnhof Shin-Imamiya. Die Stadtverwaltung nennt das Gebiet seit 1966 offiziell Airin, viele Bewohner halten jedoch am alten Namen Kamagasaki fest. Im Ausland spricht man häufig von „Japans Slum“.

Ein Slum mit Wellblechhütten ist Nishinari zwar nicht. Doch kaum ein anderer Ort zeigt so deutlich, was aus den Menschen geworden ist, die Japans Wirtschaftswunder einst mit aufgebaut haben.

Wie das Armenviertel entstand

Um 1900 war Kamagasaki noch Ackerland am Rand von Osaka und gehörte zum Dorf Imamiya. Die Armen der Stadt lebten damals weiter nördlich in Nagamachi, dem heutigen Nipponbashi. An der alten Handelsstraße Kishū-kaidō gab es dort seit der Edo-Zeit rund 100 billige Herbergen, sogenannte Kichin-yado.

Der Stadt war Nagamachi ein Dorn im Auge. Nach schweren Choleraausbrüchen in den 1880er Jahren galten die Armen als Überträger der Seuche. 1891 wurden mehr als 9.000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben, 1898 verbot Osaka die Billigherbergen im Stadtgebiet. 1903 fand im nahen Tennōji die Fünfte Nationale Industrieausstellung statt, mit rund 5,3 Millionen Besuchern. Im Vorfeld der Ausstellung wurde weiter geräumt. Die Vertriebenen zogen nach Süden an den damaligen Stadtrand, und in Kamagasaki entstand ein Viertel aus Billigherbergen. Ob alles genau so ablief, ist allerdings nicht lückenlos belegt.

Später kamen zwei Vergnügungsviertel dazu: 1912 entstand Shinsekai, 1916 wurde das Rotlichtviertel Tobita in die Nachbarschaft verlegt. Beides zog noch mehr Arme und Arbeitssuchende an. Im Zweiten Weltkrieg zerstörten Luftangriffe das Viertel fast vollständig.

Die Stadt der Tagelöhner

Nach dem Krieg wurden auf den Trümmern schnell neue Herbergen gebaut. Mit dem Boom während des Koreakriegs in den 1950er Jahren wurde Kamagasaki zu einer der drei großen Herbergsstädte Japans, neben San’ya in Tokio und Kotobuki-chō in Yokohama. In den Jahrzehnten des schnellen Wachstums kamen junge Männer aus dem ganzen Land, um auf Baustellen, in Häfen und Fabriken zu arbeiten, auch beim Bauboom vor der Weltausstellung in Osaka 1970. Jeden Morgen holten Vermittler die Arbeiter auf der Straße ab, abends kehrten sie in winzige Zimmer in den sogenannten Doya zurück, einfache Herbergen, in denen man pro Nacht bezahlt. Um 1960 sollen rund 30.000 Tagelöhner in solchen Unterkünften gelebt haben.

1970 eröffnete das Airin-Zentrum, ein riesiger Bau mit Arbeitsvermittlung, Klinik und Wohnungen. Hier begann für Jahrzehnte jeden Tag noch vor Sonnenaufgang die Suche nach Arbeit.

Dass hier vor allem Männer ohne Familie lebten, war politisch gewollt. Nach den ersten Aufständen Anfang der 1960er Jahre (dazu gleich mehr) gründeten Stadt, Präfektur und Polizei 1966 einen gemeinsamen Rat. Dieser Rat führte auch den Namen Airin ein, der das schlechte Image loswerden sollte. Familien mit Kindern wurden gezielt umgesiedelt, alleinstehende Arbeiter sollten bleiben. 1975 waren noch 30 Prozent der Bewohner Frauen, 1990 nur noch 15 Prozent. Kamagasaki wurde so zum Arbeitskräftelager für Japans Baustellen.

Das funktionierte, solange die Wirtschaft wuchs. Als Anfang der 1990er Jahre die Spekulationsblase platzte, traf es die Tagelöhner zuerst. Die Zahl der Jobangebote halbierte sich innerhalb weniger Jahre. Wer keine Arbeit fand, konnte seine Herberge nicht mehr bezahlen und landete auf der Straße. 1999 zählte die Stadt Osaka 8.660 Obdachlose, mehr als jede andere japanische Großstadt.

24 Aufstände

Das Verhältnis zur Polizei war von Anfang an gespannt. Am 1. August 1961 starb ein Arbeiter bei einem Verkehrsunfall, die Bewohner warfen der Polizei einen respektlosen Umgang mit dem Toten vor. Rund 2.000 Menschen lieferten sich zwei Tage lang Straßenschlachten, 28 wurden festgenommen. Es war der erste von insgesamt 24 Aufständen in Kamagasaki. Der letzte brach im Juni 2008 aus, nachdem ein Arbeiter bei einem Streit festgenommen worden war und der Polizei anschließend Gewalt vorgeworfen hatte. Mehrere Tage lang belagerten Menschen das Polizeirevier Nishinari, 18 Polizisten wurden verletzt. Zugleich ist es bis heute der letzte Aufstand dieser Art auf Japans Hauptinseln.

Die Arbeiter sind alt geworden

Heute sind viele der früheren Tagelöhner Rentner. 2024 waren im Airin-Viertel 45,5 Prozent der Bewohner 65 oder älter, im Landesschnitt sind es 29,4 Prozent. Viele haben kaum Rentenansprüche und leben von Sozialhilfe. Im Bezirk Nishinari bezieht fast jeder Vierte Sozialhilfe, die Quote lag 2019 bei 23 Prozent. In ganz Japan sind es 1,6 Prozent. Manche Herbergen wurden deshalb zu Wohnungen für Sozialhilfeempfänger umgebaut. Ein Zimmer kostet in der Gegend oft nur rund 800 Yen (etwa 4,50 Euro) pro Nacht.

Die Präfektur Osaka zählt die meisten Obdachlosen in ganz Japan, 803 waren es bei der jüngsten Zählung im Januar 2026. Viele von ihnen leben rund um Nishinari. Warum Obdachlose in Japan trotzdem kaum auffallen, beschreibt unser Artikel „Obdachlose in Japan und Deutschland: Warum man sie in Tokio kaum sieht“.

Das Ende eines Symbols

2019 schloss das Airin-Zentrum, weil das Gebäude nicht mehr erdbebensicher war. Obdachlose schliefen trotzdem weiter unter seinen Vordächern, Unterstützer protestierten gegen die Schließung. Die Präfektur klagte auf Räumung und bekam recht. Am 1. Dezember 2024, wenige Monate vor der Weltausstellung in Osaka, räumten rund 500 Mitarbeiter der Präfektur und Polizisten das Gelände und errichteten hohe Absperrungen. Am 9. Juni 2026 begann der Abriss des Gebäudes. An seiner Stelle soll ein neues Zentrum für die Arbeitsvermittlung entstehen.

Rucksacktouristen statt Bauarbeiter

Gleichzeitig verändert sich das Viertel schnell. Weil die Zimmer billig sind und Shin-Imamiya gut an den Flughafen Kansai angebunden ist, sind viele alte Herbergen heute Hostels für Rucksacktouristen. 2022 eröffnete die Hotelkette Hoshino Resorts direkt am Bahnhof ein großes Hotel. Auch die Bewohner sind andere geworden: Im September 2024 waren mehr als die Hälfte der 20- bis 24-Jährigen im Airin-Viertel Ausländer. Die Arbeitsvermittlung, die früher fast nur Bauarbeiter vermittelte, will sich jetzt um ganz unterschiedliche Menschen kümmern, um alte Tagelöhner genauso wie um junge Arbeiter aus dem Ausland.

Dass die alten Probleme nicht verschwunden sind, zeigt ein Schild, das im Frühjahr 2026 über einem geschlossenen Lokal im Viertel hing. In großen roten Buchstaben auf gelbem Grund steht dort: „Wenn du ein Mann sein willst: Werd kein Host und nimm keine illegalen Jobs an! Verkauf in der Izakaya kein Crystal Meth!“ Yami Baito sind Gelegenheitsjobs, für die Kriminelle über soziale Netzwerke junge Leute anwerben und sie dann für Betrug und Raubüberfälle einsetzen.

Quellen

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