Dieser Artikel ist Teil unseres Dossiers Japan und Deutschland.
Wer in Deutschland mit dem Zug fährt, kennt das Bild: Am Hauptbahnhof liegen Schlafsäcke in Ecken und unter Vordächern, jemand sammelt Pfandflaschen aus dem Mülleimer, ein anderer fragt nach etwas Kleingeld. Wer dagegen durch Tokio läuft, durch Shinjuku, Shibuya oder Akihabara, sieht kaum jemanden, der offensichtlich auf der Straße lebt. Auf den ersten Blick wirkt es, als gäbe es in Japan schlicht keine Obdachlosen.
Die offiziellen Zahlen scheinen das zu bestätigen. Japans Gesundheitsministerium hat im Januar 2026 im ganzen Land 2.481 Obdachlose gezählt, bei rund 123 Millionen Einwohnern. Es ist der niedrigste Wert seit Beginn der Zählung 2003, damals waren es noch 25.296. In Deutschland lebten nach dem Wohnungslosenbericht der Bundesregierung Anfang 2024 rund 47.300 Menschen auf der Straße oder in Behelfsunterkünften, bei rund 84 Millionen Einwohnern.
Wer in Japan auf der Straße lebt
Von den 2.481 Menschen sind 2.190 Männer und 192 Frauen, bei den übrigen konnten die Zähler das Geschlecht nicht feststellen. Die meisten leben in den großen Städten: 803 in der Präfektur Osaka, 507 in Tokio, 391 in Kanagawa. An Straßen wurden gut ein Viertel gezählt, in Parks knapp ein Viertel, an Flussufern ein Fünftel. An Bahnhöfen dagegen nur 5,7 Prozent, also etwa 140 Menschen im ganzen Land.
Wer in Japan draußen lebt, ist meist alt und schon lange dort. Bei der letzten ausführlichen Befragung des Ministeriums im November 2021 lag das Durchschnittsalter bei 63,6 Jahren. Mehr als ein Drittel war 70 oder älter, 40 Prozent lebten seit mindestens zehn Jahren auf der Straße. Viele von ihnen bauen sich an Flussufern oder in Parks Hütten aus blauen Planen und verdienen ein wenig Geld mit dem Sammeln von Dosen und Altpapier.
Weggeräumt aus dem Stadtbild
Dass man sie kaum sieht, hat auch damit zu tun, dass sie gezielt aus dem Stadtbild verdrängt wurden. In den 1990er Jahren lebten im unterirdischen Durchgang am Westausgang des Bahnhofs Shinjuku Hunderte Menschen in Pappkartons. 1996 ließ die Stadt Tokio den Durchgang räumen und stellte danach Objekte auf, damit sich dort niemand mehr niederlassen konnte.
Solche Objekte finden sich heute in vielen japanischen Städten. Bänke haben Armlehnen in der Mitte, damit sich niemand darauf hinlegen kann, unter Vordächern liegen spitze Steine, auf Plätzen stehen Skulpturen an genau den Stellen, an denen man schlafen könnte. In Japan nennt man das 排除アート (haijo āto), Ausgrenzungskunst. Der Architekturkritiker Tarō Igarashi beschreibt seit Jahren, wie sich diese Gestaltung ausgebreitet hat. Der Zeitung Kobe Shimbun sagte er 2021, eine Stadt, die Obdachlose ausschließe, sei für alle unfreundlich, denn auch ältere Menschen, Schwangere oder Menschen, denen gerade schlecht ist, bräuchten eine Bank zum Ausruhen.
Gezählt wird, wer zu sehen ist
Der wichtigste Grund für die niedrige Zahl ist aber die Methode. Jedes Jahr im Januar laufen Mitarbeiter der Gemeinden Parks, Flussufer, Straßen und Bahnhöfe ab und zählen, wen sie dort sehen. Wer kein Zuhause hat, aber in einem Internetcafé, einer Sauna, einem Karaokeraum oder bei Bekannten schläft, taucht in der Statistik nicht auf. Gezählt wird außerdem im kältesten Monat des Jahres, wenn kaum jemand freiwillig draußen schläft.
Entsprechend scharf fiel die Kritik aus, als die neuen Zahlen im April 2026 erschienen. „Das kann nicht sein“, schrieb Daishirō Sasaki von der Hilfsorganisation Toimikke im Netz. Seine Beratungsstelle allein habe im Haushaltsjahr 2025 mehr als 230 neue Menschen ohne Wohnung beraten, die offizielle Zahl für ganz Tokio liegt bei 507. Er fordert eine Erhebung, die nicht nur auf Augenschein beruht. Nana Iwamoto von der Organisation POSSE, die nach eigenen Angaben jedes Jahr mehr als 300 Anfragen von Menschen ohne Wohnung bekommt, schrieb, die staatliche Zählung verdecke inzwischen die Wirklichkeit.
4.000 Menschen pro Nacht im Internetcafé
Wie groß die unsichtbare Gruppe ist, hat bisher nur Tokio einmal genauer untersucht. Die Stadt befragte 2016 und 2017 mehr als 200 rund um die Uhr geöffnete Internetcafés und Mangacafés und fast 1.000 ihrer Übernachtungsgäste. Ergebnis: In einer durchschnittlichen Nacht schliefen in Tokio rund 4.000 Menschen ohne eigene Wohnung in solchen Cafés, in kleinen Kabinen mit Liegesessel und Computer. Auf Japanisch heißen sie netto kafe nanmin, Internetcafé Flüchtlinge. Allein diese Gruppe ist in Tokio also fast achtmal so groß wie die offizielle Zahl der Obdachlosen.
Die meisten von ihnen arbeiten. Nur 4,5 Prozent hatten eine feste Stelle, mehr als zwei Drittel jobbten als Leiharbeiter oder Aushilfen. Im Schnitt hatten sie nach der Auswertung von Ren Ōnishi von der Hilfsorganisation Moyai rund 114.000 Yen (rund 640 Euro) im Monat zur Verfügung. Ein Drittel hatte die Wohnung verloren, weil der Job wegfiel und die Miete nicht mehr zu zahlen war, ein Fünftel, weil mit dem Job auch die Unterkunft im Firmenwohnheim weg war. Fast zwei Drittel konnten das Geld für Kaution und Einzug in eine neue Wohnung nicht aufbringen. Eine neuere Erhebung gibt es nicht, weder in Tokio noch landesweit.
Lieber kein Geld als die Familie einweihen
Eigentlich hätten viele dieser Menschen Anspruch auf Sozialhilfe, auf Japanisch seikatsu hogo. Doch wer sie beantragt, muss damit rechnen, dass das Sozialamt Eltern, Geschwister oder erwachsene Kinder anschreibt und fragt, ob sie den Antragsteller unterstützen können. Dieses Verfahren heißt fuyō shōkai. Für viele ist die Scham davor größer als die Not.
Die Hilfsorganisation Tsukuroi Tokyo Fund hat das zum Jahreswechsel 2020 auf 2021 bei einer Essensausgabe in Tokio abgefragt. Von 165 Menschen hatten 106 noch nie Sozialhilfe bezogen. Der häufigste Grund, den sie nannten: Sie wollten nicht, dass ihre Familie davon erfährt.
Und in Deutschland?
Deutschland erfasst Wohnungslosigkeit anders und deutlich breiter. Nach dem Wohnungslosenbericht der Bundesregierung waren Anfang 2024 rund 531.600 Menschen wohnungslos. Die allermeisten von ihnen, rund 439.500, waren von Kommunen oder Hilfsträgern untergebracht, in Notunterkünften, Wohnheimen oder Pensionen. Rund 60.400 kamen vorübergehend bei Freunden oder Verwandten unter, sie sind das deutsche Gegenstück zu Japans unsichtbaren Obdachlosen. Und rund 47.300 lebten ohne jede Unterkunft auf der Straße. Sie sind es, die man in Deutschland sieht.
Dass man sie gerade an Bahnhöfen sieht, ist kein Zufall. Bahnhöfe sind beheizt, oft rund um die Uhr offen und voller Menschen, die vielleicht ein paar Münzen übrig haben. Dazu kommen die Bahnhofsmissionen, die es in Deutschland an mehr als 100 Bahnhöfen gibt und die Essen, Getränke, einen warmen Platz und Beratung anbieten. Eine bundesweite Befragung ergab, dass zwei Drittel ihrer Gäste Männer sind und mehr als die Hälfte von höchstens 500 Euro im Monat lebt. In Japan dagegen werden an Bahnhöfen keine 150 Obdachlosen gezählt.
Die Zahlen beider Länder lassen sich deshalb nur schwer vergleichen. Sie zeigen aber, wie sehr das, was ein Staat zählt und was er im Stadtbild duldet, darüber entscheidet, wie groß ein Problem aussieht. In Japan gibt es Obdachlose. Man sieht sie nur nicht, weil sie in Internetcafés schlafen, an Flussufern leben oder gar nicht erst gezählt werden.
Wie stark in Tokio gerade die Mieten steigen, beschreibt unser Artikel „Wohnen: Tokios Mieten steigen schneller als in Deutschland“.

