Dieser Artikel ist Teil unseres Dossiers Japan und Deutschland.
In Japan gilt nur etwa jeder dritte Mann und jede fünfte Frau als übergewichtig. In Deutschland ist es mehr als die Hälfte der Erwachsenen. Trotzdem ist das Gewicht in Japan ein großes Thema. Der Staat misst bei Gesundheitschecks den Bauchumfang, und viele junge Frauen sind so dünn, dass Ärzte Alarm schlagen.
Deutlich weniger Übergewicht als in Deutschland
Laut der nationalen Gesundheits- und Ernährungsumfrage des Gesundheitsministeriums hatten 2024 in Japan 32,4 Prozent der Männer und 19,3 Prozent der Frauen ab 20 Jahren einen Body-Mass-Index (BMI) von 25 oder mehr. Japans Statistik zählt sie bereits als fettleibig, in Deutschland spricht man ab diesem Wert von Übergewicht.
In Deutschland lag der Anteil laut Statistischem Bundesamt 2019 bei 54 Prozent der Erwachsenen, etwas über dem EU-Schnitt von 53 Prozent.
Der Staat misst den Bauch
Seit April 2008 gibt es in Japan für alle zwischen 40 und 74 Jahren einen besonderen Gesundheitscheck. Japaner nennen ihn kurz Metabo-Kenshin, nach dem Metabolischen Syndrom. Dabei wird auch der Bauchumfang auf Höhe des Nabels gemessen. Die Grenze liegt bei 85 Zentimetern für Männer und 90 Zentimetern für Frauen. Wer darüber liegt und weitere Risikowerte wie hohen Blutdruck oder Blutzucker hat, bekommt eine Gesundheitsberatung.
Dass die Grenze für Männer strenger ist, begründen das Gesundheitsministerium und eine Gesundheitsstiftung damit, dass Frauen mehr Fett unter der Haut und weniger Fett an den inneren Organen ansetzen. So berichtete es das Onlinemagazin Gendai Media.
Viele junge Frauen sind zu dünn
Am anderen Ende der Skala steht ein Problem, das in Deutschland kaum bekannt ist. 2024 waren in Japan 16,6 Prozent der Frauen zwischen 20 und 39 Jahren untergewichtig, hatten also einen BMI unter 18,5. Das ergab dieselbe Umfrage des Gesundheitsministeriums.
In sozialen Medien kursiert seit Jahren das sogenannte Cinderella-Gewicht, also ein BMI von 18. Unter jungen Frauen bis hin zu Oberschülerinnen gilt es als Idealgewicht, um wie ein Model auszusehen. Forscher der Fujita Health University in der Präfektur Aichi warnten 2023 vor den Folgen. Sie untersuchten 44 junge Frauen mit Untergewicht. Bei 98 Prozent fehlte Vitamin D, rund 90 Prozent aßen zu wenig Kohlenhydrate, Ballaststoffe, Eisen und Kalzium. Mögliche Folgen sind laut den Forschern Unfruchtbarkeit, Knochenschwund und Babys mit zu niedrigem Geburtsgewicht.
Die Japanische Gesellschaft für Adipositasforschung schlug im April 2025 ein neues Krankheitsbild vor: das „Syndrom des Untergewichts und der Mangelernährung bei Frauen“. Als Ursachen nannte die Arbeitsgruppe eine natürliche Veranlagung, Armut und Schlankheitsideale aus Medien und sozialen Netzwerken. Der Wunsch, dünner zu sein, beginne früh. Schon etwa ein Drittel der Mädchen in der ersten Klasse wolle schlank sein, in der sechsten Klasse mehr als die Hälfte. „Wie Übergewicht birgt auch Untergewicht Gesundheitsrisiken, doch das ist zu wenig bekannt“, sagte der Leiter der Arbeitsgruppe, Wataru Ogawa.

