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Hackerwelle in Japan: Auch Mangaportale betroffen

Aktualisiert am 20. Oktober 2026, 20:00 Uhr: Bei Furusato Choice sind rund 4,45 Millionen Datensätze abgeflossen. Dazu kommen die Mangaportale Comic Cmoa und Renta! sowie ein Angriff über einen Dienstleister des IT-Konzerns NEC.

Warnmails bei Erdbeben und Unwettern, die App des Fußballverbands, ein Elektronikhändler, ein Kaufhauskonzern und eines der größten Spendenportale des Landes: In Japan haben innerhalb einer Woche auffallend viele Unternehmen und Organisationen einen Hackerangriff gemeldet. Allein am Montag, dem 19. Oktober, kamen mehrere neue Fälle hinzu. Bei einigen steht inzwischen fest, dass Daten von Hunderttausenden oder sogar Millionen Menschen betroffen sind. Ob die Angriffe zusammenhängen, ist nicht bekannt.

Warnmails für Hunderte Kommunen betroffen

Einer der folgenreichsten Fälle begann am 11. Oktober. An diesem Tag bemerkte die Firma Arcadia aus Minoh bei Osaka verdächtige Aktivitäten in ihrem System SpeeCAN RAIDEN. Darüber verschicken Städte und Gemeinden in ganz Japan Warnungen bei Katastrophen per Mail, Telefon oder Fax an ihre Einwohner. Nach Angaben der Firma war der Dienst Ende September 875-mal bei Kommunen im Einsatz, und der gesamte Dienst sei von dem Angriff betroffen. Möglicherweise sind rund 3,1 Millionen E-Mail-Adressen von Einwohnern abgeflossen, dazu Namen und Telefonnummern.

Mindestens 36 Kommunen stellten ihre Warnmails daraufhin vorerst ein, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf das Innenministerium. Das Ministerium forderte von Arcadia einen Bericht über den Schaden. Allein in der Stadt Saitama betrifft der Vorfall knapp 35.000 E-Mail-Adressen, in Yokosuka rund 47.000.

Inzwischen ist klar, dass auch die Polizei betroffen ist. Die Präfekturpolizei Tochigi nutzt ein System von Arcadia, um im Katastrophenfall per Rundmail abzufragen, ob ihre Leute in Sicherheit sind. Dort waren alle rund 3.900 Bediensteten eingetragen, also Polizisten und Verwaltungspersonal. Ihre Namen, Dienststellen und E-Mail-Adressen könnten abgeflossen sein. Arcadia hatte die Polizei am 13. Oktober informiert, noch am selben Tag schaltete die Polizei das System ab. Einen Missbrauch der Daten hat sie bisher nicht festgestellt. Nach Angaben aus Ermittlerkreisen nutzt auch die Polizei der Nachbarpräfektur Gunma das System. Dort könnten die Daten von rund 3.700 Bediensteten betroffen sein.

Fußballverband, Elektronikhändler, Autoportal

Am 18. Oktober meldete dann der japanische Fußballverband JFA, dass Unbekannte am Vortag rund 16 Stunden lang auf seine offizielle App JFA Passport zugegriffen hatten. Der Verband sperrte den Zugang und schaltete Teile der App ab. Ob persönliche Daten betroffen sind, wird noch untersucht. Nutzer sollen sich vorerst nicht ab- und wieder anmelden und die App nicht neu installieren.

Fast zur selben Zeit meldeten weitere Firmen Angriffe: die Elektronikkette Joshin, die nach einem Zugriff auf ihr Netzwerk einen Teil ihrer Dienste nicht anbieten kann, und der Personaldienstleister Recruit, der sein Autoportal Carsensor nach verdächtigen Zugriffen vom Netz nahm. Auch bei mehreren kleineren Firmen gab es Vorfälle.

Am Montag folgte das Spendenportal Furusato Choice, über das Japaner ihre beliebte Heimatsteuer abwickeln. Der Betreiber Trustbank schaltete die Seite nach ungewöhnlichen Zugriffen ab. Einen Tag später bestätigte er das Ausmaß: Bei einem Zugriff am 17. Oktober sind 4.454.097 Datensätze von Mitgliedern abgeflossen, darunter Namen, Adressen, Telefonnummern, E-Mail-Adressen und Passwörter in Form von Hashwerten. Wann das Portal wieder online geht, ist offen.

Ebenfalls am Montag teilte die staatliche Außenhandelsorganisation JETRO mit, dass sie ihre Website nach einem unbefugten Zugriff vorübergehend abgeschaltet hat. Bemerkt hatte sie den Zugriff schon am Mittwoch zuvor. Dabei sind 743 Datensätze mit persönlichen Angaben abgeflossen, darunter E-Mail-Adressen von Ansprechpartnern in Firmen. Wann die Seite wieder online geht, weiß JETRO noch nicht.

Große Datenlecks bei Kaufhaus, Provider und Mailversender

Am Montagabend japanischer Zeit wurde dann klar, wie groß einige der Lecks sind. Der Handelskonzern H2O Retailing, zu dem die Kaufhäuser Hankyu und Hanshin gehören, bestätigte, dass Daten von rund 1,26 Millionen Kunden abgeflossen sind. Das sind praktisch alle Mitglieder der gemeinsamen Kundenkennung H2O ID. Betroffen sind unter anderem Name, Adresse, Telefonnummer, E-Mail-Adresse und Geburtsdatum. Die Angreifer kamen laut Unternehmen über die Reservierungsseite der Kaufhäuser in das Kundensystem. Bemerkt wurde das am 16. Oktober.

H2O hat die Reservierungsseite, den Onlineshop Hankyu Hanshin E-Stores und den Bestelldienst Remo Order komplett abgeschaltet. Vollständige Kreditkartennummern speichert das Unternehmen nach eigenen Angaben nicht, Passwörter seien nach bisherigem Stand nicht abgeflossen. H2O warnt seine Kunden vor gefälschten Mails, SMS und Anrufen in seinem Namen.

Beim Internetanbieter Nifty griffen Unbekannte auf ein internes System für Glasfaseranträge zu. Bis zu 542.513 Datensätze könnten abgeflossen sein, darunter Namen, Adressen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen von Kunden, die seit 2019 einen Glasfaseranschluss beantragt haben. Kreditkarten- und Kontodaten sind laut Nifty nicht betroffen.

Rund neun Millionen Datensätze könnten bei Yumilink betroffen sein. Die Firma verschickt im Auftrag von Unternehmen und Kommunen Newsletter und andere Massenmails. Ein Mitarbeiter bemerkte am frühen Morgen des 16. Oktober unbefugte Zugriffe, bei fünf Systemen wurden Daten abgezogen. Nach Schätzung der Firma könnten insgesamt rund neun Millionen Datensätze mit E-Mail-Adressen und anderen persönlichen Angaben abgeflossen sein. Welche Kunden der Firma betroffen sind, ist noch nicht bekannt. Noch größer ist der Fall bei der Softwarefirma Sourcenext: Sie meldete am 15. Oktober einen möglichen Abfluss von rund 22,5 Millionen Kundendaten, mehr dazu in unserem Artikel zur Datenleck-Welle.

Dazu meldete Japan Post unbefugte Anmeldungen auf seiner Seite für Treuepunkte. Dabei könnten Dritte die Daten von etwa 250 Konten eingesehen haben. Nach Angaben des Senders NHK nutzten die Angreifer womöglich Zugangsdaten, die bei anderen Firmen erbeutet worden waren.

Square Enix sperrt Konten

Auch der Spielekonzern Square Enix, bekannt für „Final Fantasy“ und „Dragon Quest“, meldete am 19. Oktober fremde Anmeldungen bei seinen Kundenkonten. Die Angreifer probierten nach Angaben der Firma Kombinationen aus Nutzername und Passwort aus, die vermutlich bei anderen Diensten abgeflossen waren. Wie viele Konten betroffen sind, sagt Square Enix nicht. Verdächtige Konten wurden gesperrt, ihre Besitzer müssen ein neues Passwort festlegen. Nehmen die Angriffe weiter zu, will Square Enix die Passwörter aller Konten zurücksetzen. Die Firma rät, ein Passwort nie für mehrere Dienste zu nutzen.

Weitere Fälle meldeten der Gebrauchtwarenhändler 2nd Retailing, der einen Teil seiner Onlinedienste stoppte, und der Pharmagroßhändler Toho Holdings. Dort griffen Unbekannte auf eine Datenbank einer Tochterfirma zu, über die Kliniken und Praxen bedient werden.

Am 20. Oktober kam der Fernsehsender Fuji TV dazu. Unbekannte waren in ein internes System eingedrungen, über das der Sender mit Medienleuten für seine Sendungen wirbt. Bemerkt wurde der Zugriff am Abend des 19. Oktober. Bis zu 730 Datensätze mit Namen, Firmen und E-Mail-Adressen von Medienvertretern könnten abgeflossen sein. Daten von Zuschauern seien in dem System nicht gespeichert, teilte Fuji TV mit. Der Sender hat das System abgeschaltet und sich bei den Betroffenen entschuldigt.

Am selben Tag meldete der IT-Konzern NEC einen Angriff über einen Dienstleister. Ende September hatten Unbekannte bei einer Firma, die für NEC Systeme entwickelt und wartet, Zugangsdaten erbeutet. Damit drangen sie in Systeme mehrerer NEC-Kunden ein und verschlüsselten Dateien auf deren Servern, mehrere Systeme fielen aus. Aus einem Cloudspeicher, über den NEC mit Kunden und dem Dienstleister Daten austauscht, stahlen sie außerdem Dateien mit persönlichen Daten. Welche Kunden und welche Daten betroffen sind, hat NEC noch nicht mitgeteilt.

Zwei Mangaportale offline

Schon seit dem 15. Oktober ist Comic Cmoa nicht erreichbar, ein Portal für E-Books mit Schwerpunkt Manga. An diesem Tag griffen Unbekannte auf das Mitgliedersystem zu, der Betreiber NTT Solmare stoppte den Dienst noch am selben Tag. In seiner dritten Mitteilung vom 18. Oktober bestätigte er, dass E-Mail-Adressen, Passwörter in Form von Hashwerten, Geburtsdaten, Geschlecht und Spitznamen von Mitgliedern abgeflossen sind. Wie viele Nutzer betroffen sind, wird noch geprüft. Kreditkartendaten speichert das betroffene System nach Angaben der Firma nicht.

Wie die Angreifer eingedrungen sind, weiß NTT Solmare nach eigenen Angaben inzwischen. Einen Termin für den Neustart gibt es trotzdem nicht. Als Erstes sollen Kunden ihre gekauften Bücher wieder im Browser lesen können. Die Firma rät, das Passwort bei anderen Diensten zu ändern, wenn man dort dieselbe Kombination aus Mailadresse und Passwort nutzt.

Am 18. Oktober ging auch Renta! vom Netz, ein Portal für Manga und andere E-Books, die man dort auch ausleihen kann. Zuerst sprach der Betreiber Papyless von einer Wartung. Am 19. Oktober räumte er ein, dass womöglich Unbekannte von außen auf die Server zugegriffen haben. Ob Kundendaten betroffen sind, wird noch untersucht. Wann Renta! wieder online geht, steht nicht fest.

Spuren einer KI aus China

Wer hinter den Angriffen steckt, ist weiter offen. Die Sicherheitsfirma GMO Cybersecurity by Ierae hat aber eine Spur gefunden. Bei Angriffen auf rund 20 japanische Unternehmen sei ein KI-Werkzeug namens ARTEX eingesetzt worden, das in China entwickelt wurde, berichteten NHK und die Wirtschaftszeitung Nikkei. Welche Firmen das sind und ob die Fälle in diesem Artikel dazugehören, sagt GMO nicht. Ob die chinesische Regierung etwas damit zu tun hat, ist nicht bekannt.

Auch Eva Chen, Chefin der Sicherheitsfirma Trend Micro, sagte am Montag, Angreifer nutzten inzwischen KI. Gestohlene Daten würden weiterverkauft und für gefälschte Mails oder als Einstieg in neue Angriffe genutzt.

Viele Firmen wissen es nicht einmal

Wie verbreitet das Problem ist, zeigt eine Umfrage der Wirtschaftsauskunftei Teikoku Databank, die ebenfalls am 19. Oktober erschien. 16,2 Prozent der 1.328 befragten Unternehmen gaben an, schon einmal ein Datenleck oder den Verdacht darauf gehabt zu haben, durch Hacker oder eigene Fehler. Bei großen Firmen war es fast jede dritte. 14,8 Prozent wussten nicht, ob es bei ihnen schon einmal ein Leck gab. Mehrere Unternehmen schrieben, ohne eigene Fachleute könnten sie das gar nicht feststellen.

Alle Einzelheiten zum Datenleck bei Furusato Choice stehen in unserem eigenen Artikel zu dem Fall.

Wie es weiterging: Japans Hackerwelle: Polizeidaten aus 22 Präfekturen in Gefahr

Quellen

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