StartGesellschaft„Ah, Doitsu!“: Woher Japans Sympathie für Deutschland kommt

„Ah, Doitsu!“: Woher Japans Sympathie für Deutschland kommt

Dieser Artikel ist Teil unseres Dossiers Japan und Deutschland.

Die Frage kommt oft, ob im Restaurant, im Hotel oder auf der Straße: Woher kommen Sie? Wer als deutscher Tourist darauf „Germany“ oder „Deutschland“ sagt, bekommt nicht selten ein begeistertes „Ah, Doitsu! Doitsu!“ zurück. Doitsu ist das japanische Wort für Deutschland. Manchmal folgen Stichworte wie Bier, Würstchen, Autos oder Fußball. Viele deutsche Reisende erzählen von solchen Begegnungen. Doch wie beliebt ist Deutschland in Japan wirklich, und woher kommt diese Sympathie?

Viel Sympathie, kaum Ablehnung

Die längste Zahlenreihe dazu stammt aus einer monatlichen Umfrage der Nachrichtenagentur Jiji. Seit Juni 1960 fragt sie jeden Monat 2.000 Erwachsene unter anderem, welche Länder sie mögen und welche nicht. Eine Auswertung der Jahre 1960 bis 2005 ergab für das wiedervereinigte Deutschland im Durchschnitt 19,7 Prozent, die es mögen, und nur 3,6 Prozent, die es nicht mögen. Zu Zeiten Westdeutschlands lag der Wert bei 14,5 zu 3,5 Prozent. Der Autor hielt fest, die Japaner hätten nach der Wiedervereinigung ein etwas größeres Wohlwollen für Deutschland. Neuere Gesamtauswertungen hat Jiji nicht veröffentlicht, die Umfrage läuft aber bis heute weiter.

Verfassung und Medizin aus Deutschland

Die engen Verbindungen beginnen in der Meijizeit (1868 bis 1912), als sich Japan nach Jahrhunderten der Abschottung im Eiltempo modernisierte. 1882 reiste der spätere Premierminister Hirobumi Itō nach Europa, um Verfassungen zu studieren. Laut Japans Nationalarchiv lernte er dort die preußische Verfassung mit einem starken Monarchen und einem schwachen Parlament kennen. Nach diesem Vorbild entstand der Entwurf der Verfassung, die 1889 verkündet wurde.

Auch in der Medizin wurde Deutschland zum Lehrmeister. Nach dem Beginn der Meijizeit setzte sich in Japan die deutsche Medizin durch. Der Schriftsteller und Militärarzt Ōgai Mori studierte vier Jahre in Deutschland. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die amerikanische Medizin die Führung. Spuren davon stecken bis heute in der Sprache. Die Krankenakte heißt in Japan „Karute“, nach dem deutschen Wort Karte. Ein Arzt schrieb im Magazin Gendai Business allerdings auch, dass Mediziner im Alltag kaum noch deutsche Begriffe verwenden. Wörter wie „Kuranke“ für Patient seien eher ein Relikt aus früheren Zeiten.

Beethoven aus dem Gefangenenlager

Eine besondere Rolle spielt eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg. Japan kämpfte damals gegen Deutschland und nahm in der deutschen Kolonie Qingdao in China zahlreiche Soldaten gefangen. Viele von ihnen kamen in das Lager Bandō in der heutigen Stadt Naruto auf der Insel Shikoku. Die Stadt Naruto führt es auf die menschliche Behandlung durch den Lagerkommandanten Toyohisa Matsue zurück, dass daraus ein herzlicher Austausch mit der Bevölkerung entstand.

Am 1. Juni 1918 führten die Gefangenen dort Beethovens Neunte Sinfonie auf. Laut der Stadt Naruto war es die erste vollständige Aufführung des Werks in Asien. Naruto hält diese Geschichte bis heute lebendig: Jedes Jahr am ersten Sonntag im Juni singen Chöre dort die Neunte. Zum 100. Jahrestag 2018 stellten Musiker die erste Aufführung auf dem früheren Lagergelände nach. Rund 1.200 Menschen hörten zu, darunter Nachkommen der Gefangenen.

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Gedenkkonzert zum 100. Jahrestag der ersten Aufführung von Beethovens Neunter in Asien, Naruto 2018 (Japanisch, 14 Minuten). Video: Tokushima Shimbun auf YouTube

Aus einer ähnlichen Geschichte stammt Japans Liebe zum Baumkuchen. Auch auf der Insel Ninoshima vor Hiroshima saßen deutsche Kriegsgefangene. Im März 1919 zeigten sie ihre Handwerksarbeiten in der Ausstellungshalle der Präfektur Hiroshima, dem heutigen Atombombendom. Dort wurde Baumkuchen verkauft, der Berichten zufolge sehr gut ankam. Der Konditor Karl Juchheim gilt als der Erste, der in Japan Baumkuchen backte. Seine Firma Juchheim mit Sitz in Kobe feierte 2019 „100 Jahre Baumkuchen in Japan“.

Weihnachtsmarkt in Yokohama

Wie sehr die Deutschlandbegeisterung im Alltag angekommen ist, zeigen Feste nach deutschem Vorbild. Der Weihnachtsmarkt am Roten Backsteinlagerhaus in Yokohama fand 2025 zum 16. Mal statt, 35 Tage lang. Die Holzhütten stammen aus Deutschland, die Deutsche Industrie- und Handelskammer in Japan und die Deutsche Zentrale für Tourismus unterstützen ihn. 2024 lag er in einem Ranking der Weihnachtsmärkte, die Japaner gern besuchen möchten, auf Platz eins.

Die Verbindung gibt es auch in umgekehrter Richtung. Wie Düsseldorf zur japanischsten Stadt Deutschlands wurde, erzählt unser Artikel „Klein Tokio am Rhein: Wie Düsseldorf zur japanischsten Stadt Deutschlands wurde“.

In Naruto bleibt die Neunte eng mit der Stadt verbunden. Die Stadthalle, in der das jährliche Konzert stattfindet, ist seit April 2021 wegen Erdbebenschäden geschlossen. Nach Angaben der Stadt soll sie im Juni 2027 wieder öffnen.

Quellen

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