Dieser Artikel ist Teil unseres Dossiers Japan und Deutschland.
7.120 Menschen haben Japans Behörden 2025 wegen Cannabis festgenommen oder angezeigt, so viele wie nie und rund 12 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl hat das Gesundheitsministerium im Juli 2026 veröffentlicht, sie umfasst Polizei, Küstenwache und die Drogenfahndung des Ministeriums. Zum dritten Mal in Folge lag Cannabis damit vor Methamphetamin, das in Japan lange die Droge Nummer eins war. Insgesamt gingen die Behörden gegen 15.186 Menschen wegen Drogendelikten vor.
In Deutschland ist es genau umgekehrt: Seit April 2024 dürfen Erwachsene Cannabis besitzen und selbst anbauen. Beim Kiffen gehen die beiden Länder also entgegengesetzte Wege. Und in beiden wird gestritten, ob der eigene Weg der richtige ist.
Japan: Die Erwischten werden immer jünger
Auffällig ist in Japan das Alter. 5.151 der 7.120 Erwischten waren jünger als 30, rund 72 Prozent. Die Nationale Polizeibehörde, die nur ihre eigenen Fälle zählt, kam auf 6.832 Menschen, ebenfalls ein Rekord. 3.633 von ihnen waren in ihren Zwanzigern, 1.373 noch keine 20. Darunter waren 315 Oberschüler und 28 Mittelschüler.
Als einen Hauptgrund nennt die Polizei soziale Netzwerke. Von den Erwischten unter 30 hatten mehr als 40 Prozent den Kontakt zu ihrem Dealer über das Internet gefunden, davon mehr als 90 Prozent über soziale Medien. Der Leiter der Abteilung für Drogen und Waffen der Tokioter Polizei sagte dem Sender TBS, Händler würden ihre Ware im Netz oft mit Codewörtern und niedlichen Emojis anbieten. Das senke bei jungen Menschen die Hemmschwelle.
Seit Dezember 2024 ist auch der Konsum strafbar
Japan reagiert mit Härte. Bis Ende 2024 waren Besitz, Weitergabe und Anbau verboten, der Konsum selbst aber nicht, weil das alte Cannabisgesetz dafür keine Strafvorschrift enthielt. Seit dem 12. Dezember 2024 gilt Cannabis als Betäubungsmittel und fällt unter dasselbe Gesetz wie andere harte Drogen. Wer Cannabis konsumiert, muss nun mit bis zu sieben Jahren Haft rechnen. Auch für Besitz und Weitergabe stieg die Höchststrafe von fünf auf sieben Jahre. Gleichzeitig dürfen Arzneimittel auf Cannabisbasis genutzt werden, wenn ihre Wirksamkeit und Sicherheit nachgewiesen sind.
In den ersten sechs Monaten nach der Gesetzesänderung verfolgte die Polizei 385 Fälle von reinem Konsum, weniger als ein Zehntel aller Cannabisfälle in diesem Zeitraum. Ein Fachmann sagte der Nachrichtenagentur Kyodo, das sei deutlich zu wenig, das neue Gesetz sei in der Ermittlungsarbeit noch nicht angekommen. Für das ganze Jahr 2025 nahm die Polizei 700 Menschen wegen Konsums fest.
Gemessen an Deutschland ist Cannabis in Japan trotzdem eine Randerscheinung. Nach der landesweiten Drogenumfrage des Nationalen Zentrums für Neurologie und Psychiatrie von 2023 haben 1,5 Prozent der Befragten schon einmal Cannabis probiert, hochgerechnet rund 1,34 Millionen Menschen. Im Jahr vor der Befragung hatten nur 0,23 Prozent konsumiert, etwa 200.000 Menschen. Der Anteil derer, die es schon einmal probiert haben, ist seit 2007 allerdings deutlich gestiegen.
Deutschland: Freigabe seit April 2024
In Deutschland gilt seit dem 1. April 2024 das Konsumcannabisgesetz. Erwachsene ab 18 dürfen unterwegs bis zu 25 Gramm und zu Hause bis zu 50 Gramm besitzen und bis zu drei Pflanzen anbauen. Seit Juli 2024 können sich Konsumenten außerdem in nicht gewinnorientierten Anbauvereinigungen mit höchstens 500 Mitgliedern zusammenschließen. Tagsüber ist das Kiffen in Sichtweite von Schulen und Sportstätten und in Fußgängerzonen verboten. Ziel war es, den Schwarzmarkt einzudämmen.
Eine erste wissenschaftliche Auswertung im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums zog im September 2025 eine gemischte Bilanz. Schätzungsweise 5,3 Millionen Erwachsene in Deutschland haben 2024 Cannabis konsumiert. Dass das Gesetz die Zahl der Konsumenten kurzfristig verändert hat, zeigten die Daten überwiegend nicht. Die Anbauvereinigungen deckten nicht einmal 0,1 Prozent des Bedarfs, aus Apotheken stammten dagegen 12 bis 14 Prozent, über Rezepte für medizinisches Cannabis. Deutlich gesunken ist die Zahl der Strafverfahren: Die Kriminalstatistik 2024 verzeichnete rund 100.000 cannabisbezogene Verfahren weniger als im Vorjahr.
„Ein Fehler“: Berlin will nachsteuern
Die neue Bundesregierung aus CDU, CSU und SPD sieht die Freigabe kritisch. Nach einem zweiten Zwischenbericht am 1. April 2026 nannte Gesundheitsministerin Nina Warken die Legalisierung zu Genusszwecken „ein Fehler“. Innenminister Alexander Dobrindt sprach von einem „vollkommenen Rohrkrepierer“, der Schwarzmarkt boome. Familienministerin Karin Prien beklagte, dass deutlich weniger Jugendliche an Frühinterventionsprogrammen teilnehmen, weil Polizei und Justiz sie kaum noch dorthin schicken können. Der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck kritisierte, dass medizinisches Cannabis über fragwürdige Onlineplattformen massenhaft für den Freizeitkonsum verschrieben werde. Die Ministerien sehen dringenden Handlungsbedarf.
Ein direkter Zahlenvergleich zwischen beiden Ländern ist schwierig, weil die Umfragen unterschiedlich gestaltet sind. Die Größenordnung ist aber eindeutig: Auf rund 5,3 Millionen Erwachsene, die in Deutschland in einem Jahr kiffen, kommen in Japan nach der Umfrage von 2023 etwa 200.000.
Auch im Ausland nicht erlaubt
Japaner, die in Deutschland leben oder Urlaub machen, sollten sich auf die deutsche Freigabe nicht verlassen. Japanische Auslandsvertretungen weisen darauf hin, dass die japanischen Cannabisvorschriften auch für Taten im Ausland gelten können, selbst in Ländern, in denen Cannabis legal ist. Japaner sollen deshalb auch dort die Finger davon lassen.
In Deutschland steht die nächste Wegmarke bereits fest. Das Gesetz schreibt eine Evaluation in mehreren Stufen vor, der Abschlussbericht ist für April 2028 vorgesehen.
Mehr zum Thema: Sicherheit: Japan und Deutschland im Vergleich
Quellen
- Kyodo News (bei Kumamoto Nichinichi Shimbun) 14.07.2026
- Kyodo News (bei Akita Sakigake Shimpo) 02.04.2026
- TBS NEWS DIG Powered by JNN (YouTube, Video und Beschreibungstext) 02.04.2026
- Jiji Press 12.12.2024
- NCNP-Forschungsbericht (Takuya Shimane)
- Time Out Tokyo 03.04.2024
- Nikkan Gendai 07.04.2024
- Universität Tübingen 29.09.2025
- Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend 01.04.2026
- Japanisches Generalkonsulat Detroit
- Deutscher Bundestag (hib) 21.07.2025

