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Wie TikTok die Toyoko Kids romantisiert

Dieser Artikel ist Teil unseres Dossiers Kinderschutz in Japan.

Toyoko Kids nennt man in Japan die Jugendlichen, die sich am Kinohochhaus mit dem riesigen Godzilla-Kopf treffen, mitten in Kabukichō, dem größten Vergnügungsviertel Tokios. Viele sind von zu Hause weggelaufen, viele sind minderjährig. Auf TikTok wirken sie wie eine coole Clique mit eigenem Look. In Wirklichkeit schlucken viele Tabletten, werden zur Prostitution gedrängt und von Erwachsenen ausgenutzt. Davon ist in den Clips fast nie etwas zu sehen. Wer die Toyoko Kids sind, beschreibt unser Artikel „Toyoko Kids: Wer die Jugendlichen in Kabukichō sind“.

Genau das kritisiert die deutsche TikTokerin Helin (@heljin). „Hört auf, das Leben der Toyoko Kids zu romantisieren“, schreibt sie unter ihr Video, das rund 22.000 Likes bekam. Hinter den coolen Outfits, den Nächten in Kabukichō und der scheinbaren Freiheit stecke bei vielen Einsamkeit, Gewalt, Missbrauch, Sucht und Ausbeutung. „Das ist kein ‚Lifestyle‘, das ist eine ernste soziale Krise.“

Im Video sagt sie, die meisten Clips zeigten nicht, dass viele der Jugendlichen unter Tabletten oder Alkohol stehen und von Erwachsenen zu schlimmen Dingen gedrängt werden. Wer das romantisiere, habe die Reportage des deutsch-französischen Senders Arte nicht verstanden, die im September erschienen ist. Die Outfits dürfe man gern als Inspiration nehmen, den Lebensstil nicht.

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Freiheit, Freunde, eigener Look

Was Helin meint, zeigt ein Blick auf TikTok. Für viele Jugendliche sieht das Leben der Toyoko Kids dort aus wie ein großes Abenteuer. Es scheint ein Leben ohne Eltern und Schule zu sein, dafür mit Freunden, die immer da sind. Die Clips zeigen Jugendliche, die nachts unter Neonlicht zusammen lachen, herumalbern und posieren. Wer sich zu Hause unverstanden fühlt, sieht dort eine Clique, in der man so sein darf, wie man ist, und in der niemand Fragen stellt.

Dazu kommt der Look. Der Jirai-Stil mit schwarzen und rosa Rüschen, Schleifen und dunkel geschminkten Augen ist das Erkennungszeichen der Szene. Unter #toyokokids zeigen Nutzer weltweit ihre Outfits, oft mit Schlagwörtern wie #aesthetic und #fitcheck.

Der Trend ist auch in Deutschland angekommen. Unter #toyokokids finden sich Clips mit den Schlagwörtern #nrw und #cologne. Einer davon, mit #jirai versehen, kommt auf rund 146.000 Aufrufe.

Was die Clips nicht zeigen

Die Arte-Reportage zeigt, was hinter diesem Bild steckt. Der Zusammenhalt ist echt, und genau das macht die Szene so anziehend. Eine Jugendliche sagt über ihre Freunde in Toyoko: „Von Anfang an haben sie mir zugehört. Endlich kann ich sagen, was ich denke.“ Doch viele kommen nicht aus Abenteuerlust. Manche sind vor Gewalt zu Hause geflohen, andere haben drogen- oder alkoholabhängige Eltern. Eine junge Frau erzählt, sie sei in der Schule gemobbt, geschlagen und getreten worden.

In Kabukichō warten dann die nächsten Gefahren. Eine andere junge Frau sagt in die Kamera: „Viele Mädchen im Toyoko prostituieren sich. Manche fangen schon mit 12 Jahren damit an.“ Erwachsene böten Geld, damit man mit ihnen schläft. Sie erzählt auch, dass sich in den drei Jahren, die sie dort ist, vier ihrer Freunde das Leben genommen haben.

Auch die Polizei stößt bei ihren Kontrollen auf Tabletten. Bei einer Kontrolle im Januar 2026 griff sie 32 Jugendliche auf. Vier standen im Verdacht, zu viele Tabletten geschluckt zu haben, eine 14-Jährige sagte, sie habe dazu Alkohol getrunken.

Gefährlich sind vor allem Erwachsene, die die Jugendlichen ausnutzen. Im Juni 2026 nahm die Polizei einen 24-Jährigen fest, der in der Szene seit Langem bekannt ist. Er soll im Mai eine 14-Jährige in einem Hotel sexuell missbraucht und dabei gefilmt haben. Schon wenige Wochen vorher war er festgenommen worden, weil er eine Minderjährige zur Prostitution vermittelt haben soll. Im April verurteilte ein Gericht in Tokio den früheren Leiter einer Gruppe, die nach eigenen Angaben Minderjährige in Toyoko schützen wollte. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er mit einer 17-Jährigen kinderpornografische Aufnahmen gemacht hatte, und verhängte zehn Monate Haft auf Bewährung. Er hatte die Vorwürfe bestritten.

Tokio warnt vor dem schönen Schein

Die Behörden in Tokio kennen das Problem. Als Stadtregierung, Bezirk Shinjuku und Polizei im Sommer 2026 eine Warnkampagne starteten, stellten sie genau diesen Gegensatz in den Mittelpunkt: eine Welt, die in den sozialen Medien lustig aussieht, in der aber Gefahren lauern, die man nicht sieht. Die Warnvideos liefen als Werbung auf X, Instagram und YouTube.

Der Zulauf ist trotzdem groß. Nach Zahlen der Polizei, die das Nachrichtenportal coki veröffentlicht hat, griff sie in Kabukichō 2020 noch 69 Jugendliche auf, weil sie tranken, rauchten oder sich nachts herumtrieben. 2025 waren es 747, mehr als zehnmal so viele. Über die Hälfte kam nicht aus Tokio.

Hast du Suizidgedanken oder geht es dir nicht gut? Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und anonym: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, auch online unter telefonseelsorge.de.

Quellen

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